Ist Anselmus wirklich glücklich auf seinem Rittergut in Atlantis? Ist er erlöst in jenem Zauberreich, in dem er nun mit der Schlange Serpentina lebt? Im klassischen Volksmärchen stünde die Antwort außer Frage: Das Paar lebte glücklich bis ans Ende seiner Tage. Das romantische Kunstmärchen jedoch – als Märchen aus der neuen Zeit – bricht mit dieser Eindeutigkeit. Es verweigert die einfache Harmonie und lässt mindestens zwei, wenn nicht noch mehr Deutungsszenarien zu.
Die Spaltung der Welt? weiterlesenWeblog
Das Ende der Idylle
Und wieder funktioniert es. Henning Mankell packt seine Leserschaft sofort. Immer in den ersten Szenen. Auch in Die falsche Fährte: Es ist ein schwüler Sommertag, die Ernte steht kurz bevor, und mitten in einem Rapsfeld harrt ein junges Mädchen aus. Sie wartet nicht, sie flieht nicht – sie übergießt sich mit Benzin und verbrennt vor den Augen des entsetzten Kommissars. Diese Eröffnung besitzt eine so schreckliche, bildhafte Kraft, dass man sie beim Lesen kaum erträgt. Für Kurt Wallander ist dieses Trauma der Auftakt zu einem Sommer, der ihn an die Grenzen seiner psychischen Belastbarkeit führen wird. Denn das Mädchen im Rapsfeld war nur der Anfang.
Das Ende der Idylle weiterlesenDer Mann, der die Zauberwelt entzauberte
Dass er ein Österreicher ist, hatte mein liebster Germanistikprofessor plakativ auf seiner Sprechzimmertür dokumentiert. Durch ihn wurde ich – vermutlich schon im ersten Semester – auf Johann Nepomuk Nestroy aufmerksam, den „wienerischen Shakespeare“. Dass ich mein Studium Jahre später mit Nestroy abschließen sollte, ahnte ich damals noch nicht. Das Wiener Vorstadttheater, dessen prägende Gestalten neben Nestroy Ferdinand Raimund und der Theaterdirektor Carl Carl waren, hat mich seitdem nicht mehr losgelassen. Wer war dieser Mann, den der Wiener Kritiker Karl Kraus später als den größten deutschen Satiriker würdigen sollte?
Der Mann, der die Zauberwelt entzauberte weiterlesenWer sich selbst entkommt, ist noch lange nicht frei
Wer an Hermann Hesse denkt, dem kommen meist Weltbestseller wie Siddhartha, Der Steppenwolf oder Demian in den Sinn. Doch ein oft übersehenes, erzählerisch bemerkenswertes Werk seines Œuvres ist die Novelle Klein und Wagner. Erstmals im Oktober 1919 in der Zeitschrift Vivos Voco vorabgedruckt, markiert sie einen der radikalsten Wendepunkte in Hesses Leben und Schreiben. Ich habe den Text in einem Rutsch gelesen, war sofort drin in der Geschichte. Doch was macht diese vergleichsweise schmale Novelle so zeitlos – und warum war sie für Hesse ein derart wichtiger Text?
Wer sich selbst entkommt, ist noch lange nicht frei weiterlesenWallanders Rückkehr aus der Finsternis
Wiederlesen ist fast so schön wie Wiedersehen. Bei Der Mann, der lächelte von Henning Mankell habe ich mir diesmal eine weitere Dimension gegönnt: das Wiederhören. Ermöglicht hat dies das wunderbar produzierte Hörspiel von Christian Hagitte und Simon Berteling (Der Hörverlag). Der Roman ist hier auf 107 Minuten komprimiert – doch das so geschickt, dass kaum ein Spannungsmoment fehlt. Eine großartige Inszenierung mit Heinz Kloss als Kurt Wallander und dem 2025 verstorbenen Christoph Schobesberger. Wer es lieber etwas ruhiger mag und die tiefe Einsamkeit des Kommissars spüren will, dem sei die Lesung von Ulrich Pleitgen ans Herz gelegt, die den schwermütigen Kern der Figur besser einfängt als die zügige Hörspiel-Fassung. Oder man greift natürlich zum Buch.
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