Ich lese, also bin ich. Ich bin, weil ich lese. Als Kind stand ich mit großen Augen vor dem Bücherregal meiner Eltern, und Der gestiefelte Kater in der Fassung der Brüder Grimm war tatsächlich der erste Text, den ich lesen konnte. Damals war ich gerade erst in die Schule gekommen. Bald darauf verschlang ich alles Greifbare, was zwischen zwei Buchdeckel gepresst war – das Kino im Kopf konnte beginnen.
So habe ich von klein auf versucht, die Welt um mich herum zu verstehen, was nicht immer einfach war. Ein besonders guter Schüler war ich nie, aber Texte fand ich großartig. Ich erinnere mich noch gut an meine Lehrerin in den Siebzigerjahren und eine Hausaufgabe, bei der wir Rilkes Herbsttag auswendig lernen sollten. Für mich kein Problem. Als ich am nächsten Tag drankam, meinte die Lehrerin zur Klasse: „Um das Gedicht zu genießen, schließen jetzt alle, die zuhören, die Augen.“ Lyrik könne man ohne die Ablenkung der Sinne viel besser aufnehmen. Ob ich selbst damals „blind“ vorgetragen habe, weiß ich nicht mehr. Aber ich weiß, dass sie recht hatte. Und als sie später in nachempfundenem Althochdeutsch die Merseburger Zaubersprüche rezitierte und ich wieder die Augen geschlossen hatte, war es endgültig um mich geschehen. Was für ein Text!
Eine völlig andere Welt
Dass ich nach dem Schulwechsel aufs Gymnasium und einem einigermaßen hingegurkten Abitur erst einmal zur Bundeswehr gegangen bin, hat mich geerdet. Das war eine völlig andere Welt, in die ich mich damals – teils im wahrsten Sinne des Wortes – eingraben musste. Ich war in Hamburg, Flensburg, Kellinghusen und Idar-Oberstein stationiert. Am Ende verließ ich die Truppe als Offizieranwärter und bekam in der Reserve tatsächlich noch die Leutnantssterne überreicht. Ganz ehrlich: Das gehört zu den Kapiteln meines Lebens, die mir heute kaum jemand glaubt. Stimmt aber – und es war gut so.
Ebenso prägend war der nächste Schritt: das Studium der Germanistik, Literaturwissenschaft und Erziehungswissenschaft in Bielefeld. Und nein, ich wollte nie Lehrer werden, sondern von Anfang an Journalist. Also habe ich schon während der Studienjahre für die Zeitung geschrieben und ein Volontariat absolviert. Die akademische Laufbahn brachte ich dennoch ordentlich zu Ende: mit einer Magisterarbeit über Ferdinand Raimund und Johann Nestroy – zwei meiner Helden aus dem Wiener Vorstadttheater.
Nachdem ich viele Jahre als Redakteur in Vlotho, meiner alten Heimatstadt, tätig war, arbeite ich heute in der Redaktion des Mindener Tageblatts. Als der Verleger mir kürzlich zum 30. Berufsjahr gratulierte, war ich einigermaßen geflasht. Zählt man das Volontariat und die Zeit als freier Mitarbeiter dazu, sind es eigentlich sogar noch einige Jahre mehr. Wer weiß, was da noch kommt?