Die Spaltung der Welt?

Ist Anselmus wirklich glücklich auf seinem Rittergut in Atlantis? Ist er erlöst in jenem Zauberreich, in dem er nun mit der Schlange Serpentina lebt? Im klassischen Volksmärchen stünde die Antwort außer Frage: Das Paar lebte glücklich bis ans Ende seiner Tage. Das romantische Kunstmärchen jedoch – als Märchen aus der neuen Zeit – bricht mit dieser Eindeutigkeit. Es verweigert die einfache Harmonie und lässt mindestens zwei, wenn nicht noch mehr Deutungsszenarien zu.

In E. T. A. Hoffmanns Novelle Der goldne Topf zerreißt das hexenhafte Apfelweib gleich zu Beginn die geordnete, reale Welt des etwas tollpatschigen, im Alltag deplatzierten, aber keineswegs unsympathischen Studenten Anselmus. Er ist ein stolpernd Suchender, ein Wanderer zwischen den Welten, der am eigenen Leib erfährt, dass die Wirklichkeit Risse bekommen hat.

Der historische und politische Kontext

Als Hoffmann seinen Text im Jahr 1814 veröffentlichte, befand sich Europa in einem radikalen Umbruch. Die napoleonischen Kriege hatten den Kontinent verwüstet; Dresden selbst – der Schauplatz des Märchens – war 1813 Schauplatz blutiger Gefechte gewesen. Während Hoffmann in den berüchtigten „zwölf Vigilien“ (Nachtwachen) an seiner Erzählung schrieb, hörte er buchstäblich den Donner der Kanonen vor den Toren der Stadt.

Als er den Text für die Phantasiestücke in Callots Manier 1819 in dritter Auflage finalisierte, hatte der Wiener Kongress (1814/15) Europa bereits neu geordnet. Es war ein politisches Spielfeld der Restauration: provisorisch, voller innerer Spannungen und geprägt von der Unterdrückung freiheitlicher Ideale. Vor diesem Hintergrund der äußeren Zerrissenheit gewinnt die existenzielle Frage des Textes eine ungeheure Brisanz: In welcher Welt kann und will das Individuum überhaupt noch leben?

Die Epoche der Aufklärung, die rein auf die Ratio gesetzt hatte, war zu diesem Zeitpunkt literarische Geschichte. Die Romantik wandte sich nun dem Subjektiven zu, dem Traum, den Nachtseiten der Natur, dem Unbewussten und dem Zauberhaften.

„Am Himmelfahrtstage, nachmittags um drei Uhr, rannte ein junger Mensch in Dresden durchs Schwarze Tor, und geradezu in einen Korb mit Äpfeln und Kuchen hinein, die ein altes häßliches Weib feilbot …“

Mit diesem Paukenschlag bricht das Phantastische mitten in den banalen dresdnerischen Alltag ein.

Philister gegen Poeten

Anselmus steht am Scheideweg zwischen zwei Lebensentwürfen, die für die Romantik beispielhaft sind: Auf der einen Seite steht die rationale, von Konventionen geprägte Realität des Konrektors Paulmann und seiner Tochter Veronika. Es ist eine Welt der Beamtenkarrieren, des Kaffeetrinkens und der gesellschaftlichen Statussymbole, in die auch der Registrator (und spätere Hofrat) Heerbrand perfekt hineinpasst. Doch diese Idylle trügt. Auch Veronika gerät in den Sog des Irrationalen, als sie aus Sehnsucht nach sozialem Aufstieg und der Ehe mit Anselmus die Dienste des Apfelweibs (Liese) in Anspruch nimmt. Das Bürgerliche ist hier keineswegs immun gegen das Dunkle; es nutzt das Magische jedoch nur als Mittel zum Zweck, zur kleinbürgerlichen Absicherung.

Auf der anderen Seite lockt das Reich des Archivarius Lindhorst – zweifellos die schillerndste und ambivalenteste Figur des Textes. Lindhorst führt eine Doppexistenz: Im Alltag ist er ein wunderlicher Gelehrter und Beamter, in Wahrheit jedoch ist er der verstoßene Elementargeist Salamander. Seine Töchter sind goldgrüne Schlänglein, und wer seine Welt betritt, steht dem poetischen Zauber näher als dem preußischen Beamtenapparat.

In Lindhorsts Haus kulminieren jene Traumbilder und Spiegelungen, die Anselmus so unwiderstehlich anziehen. Der goldne Topf, ein alchemistisches Wunderwerk, soll Serpentinas Mitgift sein. Er verspricht den Aufstieg nach Atlantis – das Reich der reinen Poesie.

Ausgabe aus dem Kurt Wolff Verlag (Leipzig 1917) mit 13 Lithographien von Karl Thylmann.

Hoffmann schreibt keinen sinnlosen Satz. Seine Prosa lamentiert nicht; alles steht genau dort, wo es hingehört – wie jede Note in einer komplexen Partitur. Hier zeigt sich der gelernte Musiker und Komponist (der sich selbst in Bewunderung für Mozart „Amadeus“ nannte). Die Struktur des Werkes, aufgeteilt in zwölf Vigilien, spiegelt diese musikalische Komposition wider. Dass Hoffmann das Werk tatsächlich in nächtlichen Sitzungen niederschrieb, ist dabei mehr als eine Anekdote: Die Entstehung selbst ist gelebte Romantik – das Schaffen im Zwischenreich von Nacht, Traum und Wachen.

Doch Hoffmann war kein weltfremder Träumer. Zeit seines Lebens war er gezwungen, eine ungeliebte Doppelexistenz zu führen: Tagsüber war er der pflichtbewusste, scharfsinnige Jurist und Kammergerichtsrat, nachts der exzessive Dichter und Künstler. Der Konflikt des Anselmus war Hoffmanns eigener Lebenskonflikt.

Der goldne Topf ist zeitlos, weil er die fundamentale Frage nach der Identität und dem gelingenden Leben stellt. Gibt es die eine richtige Welt überhaupt? Hoffmanns Antwort ist paradox: Am Ende zieht Anselmus zwar nach Atlantis, doch der Erzähler selbst bleibt im irdischen Dresden zurück und stellt fest, dass das Glück des Anselmus „nichts anderes als das Leben in der Poesie“ ist. Atlantis ist kein physischer Ort, sondern ein Geisteszustand. Vielleicht sollten wir, wie Hoffmann es uns vormacht, Grenzgänger bleiben – Wanderer zwischen der inneren Poesie und der äußeren Realität.


Das Werk ist heute in unzähligen Ausgaben greifbar, standardmäßig in den gelben Heften des Reclam-Verlags. Für Liebhaber bleibt jedoch die bibliophile Tradition entscheidend, wie die legendäre Ausgabe aus dem Kurt Wolff Verlag (Leipzig 1917) mit den ausdrucksstarken, expressionistischen 13 Lithographien von Karl Thylmann, die die düstere und visionäre Kraft dieses „Märchens aus der neuen Zeit“ visuell meisterhaft einfängt.

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