Wer an Hermann Hesse denkt, dem kommen meist Weltbestseller wie Siddhartha, Der Steppenwolf oder Demian in den Sinn. Doch ein oft übersehenes, erzählerisch bemerkenswertes Werk seines Œuvres ist die Novelle Klein und Wagner. Erstmals im Oktober 1919 in der Zeitschrift Vivos Voco vorabgedruckt, markiert sie einen der radikalsten Wendepunkte in Hesses Leben und Schreiben. Ich habe den Text in einem Rutsch gelesen, war sofort drin in der Geschichte. Bis heute hält der Suhrkamp-Verlag ierlich lieferbar, zudem ist der Text auch als E-Book erhältlich. Doch was macht diese vergleichsweise schmale Novelle so zeitlos – und warum war sie für Hesse ein derart wichtiger Text?
Im Zentrum der Erzählung steht Friedrich Klein, ein scheinbar biederer, pflichtbewusster Bankbeamter und Familienvater. Doch die Fassade trügt. Belastet mit unterschlagenem Geld, einem gefälschten Pass und dunklen, gewaltsamen Fantasien gegenüber seiner Familie bricht er abrupt aus seinem geordneten Leben aus. Er flieht nach Norditalien, um sich in die Freiheit zu stürzen.
Der Name „Wagner“ im Titel verweist auf den realen Fall des Lehrers Ernst August Wagner, der 1913 seine Familie ermordete. Für Friedrich Klein wird dieser Name zu einer Projektionsfläche für den radikalen Ausbruch aus den Zwängen seines bisherigen Lebens. „Wagner“ steht für das Aufbegehren des Unterbewussten und für einen Weg der Selbsterkenntnis, der schließlich im Luganersee sein tragisches Ende findet.
Hesses Jahr der Extreme
Um die fieberhafte Intensität von Klein und Wagner zu verstehen, lohnt ein Blick auf Hesses Lebenssituation im Jahr 1919. Es war eines der krisenhaftesten und zugleich produktivsten Jahre seines Lebens.
Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs stand Hesse vor den Trümmern seiner bisherigen Existenz. Seine Ehe mit Mia Bernoulli war endgültig gescheitert, seine Frau litt an schweren psychischen Erkrankungen und war zeitweise in einer Heilanstalt untergebracht. Hesse löste den gemeinsamen Hausstand in Bern auf, die Kinder lebten zeitweise getrennt von den Eltern. Die Schuldgefühle und inneren Konflikte dieser Zeit spiegeln sich in Friedrich Kleins Zerrissenheit deutlich wider.
Im Frühjahr 1919 zog Hesse allein ins Tessin. In Montagnola bezog er eine Wohnung in der Casa Camuzzi, die später zu einem zentralen Ort seines Lebens und Schreibens werden sollte. Dieser Ortswechsel bedeutete weit mehr als einen Umzug: Er war ein bewusster Bruch mit dem bisherigen Leben – ähnlich wie die Flucht, die Friedrich Klein in der Novelle antritt.
Hesse hatte sich intensiv mit den Ideen der Psychoanalyse beschäftigt und selbst therapeutische Erfahrungen gemacht. Viele Interpreten lesen Klein und Wagner als literarische Verarbeitung jener psychologischen Fragen, die Hesse damals bewegten: Wie geht ein Mensch mit seinen verdrängten Anteilen um? Wie kann er zu einem vollständigen Bild seiner selbst gelangen?
Literaturwissenschaftler sehen in Friedrich Klein häufig einen Vorläufer späterer Hesse-Figuren, insbesondere des Harry Haller aus Der Steppenwolf. Das Motiv der gespaltenen Persönlichkeit zwischen bürgerlicher Ordnung und innerem Aufruhr ist in Klein und Wagner bereits deutlich angelegt.
Mehr als ein Nebenwerk
Klein und Wagner ist kein verstaubter Klassiker, sondern die eindringliche Darstellung einer seelischen Krise. Die Novelle zeigt einen Menschen, der aus seinem Leben ausbrechen will und dabei erkennen muss, dass er sich selbst nicht hinter sich lassen kann.
Mich hat an dem Text vor allem fasziniert, wie konsequent Hesse seinem Protagonisten jede wirkliche Fluchtmöglichkeit nimmt. Friedrich Klein kann Grenzen überschreiten, Orte wechseln und Identitäten ausprobieren – doch er nimmt sich selbst immer mit.
Wer verstehen möchte, wie Hermann Hesse zu den Themen fand, die sein späteres Werk prägen sollten, findet in Klein und Wagner einen ebenso kompakten wie aufschlussreichen Schlüsseltext. Mehr als hundert Jahre nach seiner Entstehung entfaltet die Novelle noch immer eine bemerkenswerte Sogwirkung.
Klein und Wagner von Hermann Hesse erschien erstmals 1919. Eine Ausgabe ist etwa im Jahr 2001 bei Suhrkamp Verlag erschienen; der Text ist außerdem als E-Book verfügbar.