Wallanders Rückkehr aus der Finsternis

Wiederlesen ist fast so schön wie Wiedersehen. Bei Der Mann, der lächelte von Henning Mankell habe ich mir diesmal eine weitere Dimension gegönnt: das Wiederhören. Ermöglicht hat dies das wunderbar produzierte Hörspiel von Christian Hagitte und Simon Berteling (Der Hörverlag). Der Roman ist hier auf 107 Minuten komprimiert – doch das so geschickt, dass kaum ein Spannungsmoment fehlt. Eine großartige Inszenierung mit Heinz Kloss als Kurt Wallander und dem 2025 verstorbenen Christoph Schobesberger. Wer es lieber etwas ruhiger mag und die tiefe Einsamkeit des Kommissars spüren will, dem sei die Lesung von Ulrich Pleitgen ans Herz gelegt, die den schwermütigen Kern der Figur besser einfängt als die zügige Hörspiel-Fassung. Oder man greift natürlich zum Buch.

Es gibt Momente in der Literatur, da möchte man den Protagonisten am liebsten an den Schultern packen und schütteln. Zu Beginn von Der Mann, der lächelte begegnen wir einem Kurt Wallander, der völlig am Boden zerstört ist. Nach den tödlichen Schüssen in seinem letzten Fall ist er krankgeschrieben, flüchtet sich in die Einsamkeit an der Küste und will eigentlich nie wieder eine Waffe oder einen Polizeiausweis anrühren. Er ist kurz davor, endgültig aufzugeben. Doch Mankell wäre nicht Mankell, wenn er seinen Helden nicht durch eine persönliche Pflicht zurück ins Licht – oder eher ins graue Ystad – ziehen würde.

Ein alter Bekannter, der Anwalt Sten Torstensson, sucht Wallander in seinem Exil auf. Sein Vater ist bei einem Autounfall ums Leben gekommen, doch Sten glaubt nicht an ein Unglück. Wallander lehnt zunächst ab, er fühlt sich leer. Doch als Sten kurz darauf ebenfalls ermordet wird, bricht Wallanders Widerstand. Die Trauer schlägt in jenem „Kontrollverlust“ um, den wir schon aus dem Vorgänger kennen, doch diesmal ist es der reine Wille zur Gerechtigkeit, der ihn zurück in den Dienst treibt.

Das Böse hinter der glatten Fassade

Der Gegner in diesem vierten Band (im Original der vierte, in der chronologischen Lesart oft direkt nach Riga platziert) ist anders als die Kleinkriminellen oder der totalitäre Apparat aus Lettland. Hier bekommt es Wallander mit der Welt des großen Geldes zu tun. Der Philanthrop Alfred Harderberg ist der titelgebende „Mann, der lächelte“. Er ist reich, mächtig und scheinbar unangreifbar.

Mankell zeichnet hier ein brillantes Bild der Arroganz der Macht. Harderberg lächelt – aber es ist ein Lächeln, das keine Wärme spendet, sondern eine Maske ist, hinter der sich eine absolute Skrupellosigkeit verbirgt. Es geht um illegalen Organhandel und eine Form von Wirtschaftskriminalität, die über Leichen geht, ohne mit der Wimper zu zucken.

Besonders faszinierend an diesem Roman ist Wallanders langsame Rekonvaleszenz. Er ist nicht plötzlich wieder der „Superbulle“. Er kämpft mit seiner Kondition, mit seiner Angst und mit dem neuen Kollegen-Gefüge. Schön zu sehen ist die Entwicklung der neuen Kollegin Ann-Britt Höglund, die als weibliches Pendant frischen Wind in die maskuline Welt des Polizeipräsidiums bringt.

Wallander erkennt in diesem Fall, dass das Böse nicht immer hässlich oder offensichtlich ist. Es kann gepflegt daherkommen, in teuren Anzügen stecken und eben: lächeln. Die Szenen auf Harderbergs Schloss sind von einer beklemmenden Spannung geprägt, fast wie in einem modernen Kammerspiel.

Ein Wendepunkt der Reihe

Der Mann, der lächelte ist für mich der Band, in dem Wallander endgültig erwachsen wird – als literarische Figur. Er akzeptiert seine Rolle als Polizist, mit allen körperlichen und seelischen Narben. Mankell zeigt uns hier eine Welt, in der die Grenzen zwischen Wohltätigkeit und Verbrechen verschwimmen. Es ist ein hochmoderner Thriller, der die Hybris der Superreichen thematisiert, lange bevor das Thema in den heutigen Medien allgegenwärtig war.

Wer Wallander auf seinem Weg begleiten will, darf diesen Teil nicht auslassen. Er ist die Brücke von der reinen Depression hin zu einer neuen, abgeklärten Entschlossenheit.

Der Mann, der lächelte von Henning Mankell, erschien 1994 in Schweden (Original: Mannen som log), auf Deutsch erstmals 2001 bei dtv, übersetzt von Herbert Zeichner.

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