Henning Mankell packt sofort. Immer in den ersten Szenen, immer ein Geschenk für Filmemacher. So auch in Die falsche Fährte. Es ist ein schwüler Sommertag, die Ernte steht kurz bevor, und mitten in einem Rapsfeld harrt ein junges Mädchen aus. Sie wartet nicht, sie flieht nicht – sie übergießt sich mit Benzin und verbrennt vor den Augen des entsetzten Kommissars. Diese Szene besitzt eine so schreckliche visuelle Kraft, dass sie sich tief in das cineastische Kollektivgedächtnis eingebrannt hat. Für Kurt Wallander ist dieses Trauma der Auftakt zu einem Sommer, der ihn an die Grenzen seiner psychischen Belastbarkeit führen wird. Denn das Mädchen im Rapsfeld war nur der Anfang.
Hinter den rituellen Morden, die Schonen kurz darauf erschüttern, verbirgt Mankell ein hochgradig verstörendes Thema: Menschenhandel und sexuelle Ausbeutung. Während Wallander versucht, die Verbindung zwischen einem ehemaligen Justizminister, einem Kunsthändler und weiteren Opfern zu finden, stößt er auf ein tiefes Geflecht aus Machtmissbrauch und organisierter Kriminalität.
Mankell nutzt das Motiv des Menschenhandels hier nicht als bloßes Spannungselement, sondern als Spiegel einer Gesellschaft, die wegschaut. Die Opfer des Täters sind keine Unschuldigen; sie sind Männer, die sich an der Wehrlosigkeit anderer bereichert und vergangen haben. Das macht den Fall für Wallander so komplex: Er muss einen Mörder jagen, dessen Motive in einem berechtigten Schmerz und einer tiefen Abscheu gegenüber einem menschenverachtenden System wurzeln. Die „falsche Fährte“ ist hier also auch eine moralische – wer ist in diesem Spiel aus Ausbeutung und Rache am Ende das wahre Monster?
Ein Geschenk für die Kamera
Es ist kein Wunder, dass dieser Roman gleich mehrfach prominent verfilmt wurde. Ob in der schwedischen Ur-Fassung mit Rolf Lassgård, der die körperliche Erschöpfung Wallanders so greifbar macht, oder in der ästhetisch kühlen BBC-Adaption mit Kenneth Branagh: Regisseure lieben diesen Stoff. Mankell schreibt fast schon Drehbücher; er nutzt das grelle Licht des schwedischen Sommers als harten Kontrast zu der finsteren Realität des Menschenhandels, die im Verborgenen blüht.
Der Ermittler am Limit
In keinem anderen Band spürt man Wallanders Erschöpfung so deutlich wie hier. Die Sommerhitze drückt schwer auf die Ermittlungen, und die Bilder der misshandelten und gehandelten Opfer wiegen schwerer denn je. Besonders berührend ist Wallanders innerer Dialog mit seinem verstorbenen Mentor Rydberg. Er sucht verzweifelt nach dessen Rat, während er versucht, in einem Sumpf aus Korruption und menschlicher Kälte die Orientierung zu behalten.
Die falsche Fährte (1995) ist meines Erachtens ein Meisterwerk, weil es den klassischen Krimi mit einer harten gesellschaftlichen Anklage verbindet. Das Thema Menschenhandel gibt der Geschichte eine Relevanz, die weit über das Jahr ihrer Entstehung hinausgeht. Mankell zeigt, dass die schlimmsten Verbrechen oft dort geschehen, wo die Fassade am saubersten glänzt.
Henning Mankell: Die falsche Fährte. Erschienen 1995 in Schweden (Original: Villospår), auf Deutsch 1999 bei dtv, übersetzt von Erik Gloßmann.