Das Ende der Idylle

Und wieder funktioniert es. Henning Mankell packt seine Leserschaft sofort. Immer in den ersten Szenen. Auch in Die falsche Fährte: Es ist ein schwüler Sommertag, die Ernte steht kurz bevor, und mitten in einem Rapsfeld harrt ein junges Mädchen aus. Sie wartet nicht, sie flieht nicht – sie übergießt sich mit Benzin und verbrennt vor den Augen des entsetzten Kommissars. Diese Eröffnung besitzt eine so schreckliche, bildhafte Kraft, dass man sie beim Lesen kaum erträgt. Für Kurt Wallander ist dieses Trauma der Auftakt zu einem Sommer, der ihn an die Grenzen seiner psychischen Belastbarkeit führen wird. Denn das Mädchen im Rapsfeld war nur der Anfang.

Hinter den rituellen Morden, die Schonen kurz darauf erschüttern, verbirgt Mankell ein hochgradig verstörendes Thema: Menschenhandel und sexuelle Ausbeutung. Während Wallander versucht, die Verbindung zwischen einem ehemaligen Justizminister, einem Kunsthändler und weiteren Opfern zu finden, stößt er auf ein tiefes Geflecht aus Machtmissbrauch und organisierter Kriminalität.

Mankell nutzt das Motiv des Menschenhandels hier nicht als bloßes Spannungselement, sondern als Spiegel einer Gesellschaft, die wegschaut. Die Opfer des Täters sind keine Unschuldigen; sie sind Männer, die sich an der Wehrlosigkeit anderer bereichert und vergangen haben. Das macht den Fall für Wallander so komplex: Er muss einen Mörder jagen, dessen Motive in einem berechtigten Schmerz und einer tiefen Abscheu gegenüber einem menschenverachtenden System weisen. Die „falsche Fährte“ ist hier also auch eine moralische – wer ist in diesem Spiel aus Ausbeutung und Rache am Ende das wahre Monster?

Der Ermittler am Limit

In keinem anderen Band spürt man Wallanders Erschöpfung so deutlich wie hier. Die literarische Sommerhitze drückt schwer auf die Ermittlungen, und die Berichte über die misshandelten und gehandelten Opfer wiegen schwerer denn je. Besonders berührend gelingt Mankell in der Romanvorlage Wallanders innerer Dialog mit seinem verstorbenen Mentor Rydberg. Er sucht in seinen Gedanken verzweitelt nach dessen Rat, während er versucht, in einem Sumpf aus Korruption und menschlicher Kälte die Orientierung zu behalten. Das ist psychologische Charakterstudie in Perfektion.

Im Fokus der Regisseure

Es ist kein Wunder, dass dieser Roman mit seiner enormen visuellen Qualität mehrfach prominent adaptiert wurde. Mankell schreibt fast schon Drehbücher; er nutzt das grelle Licht des schwedischen Sommers als harten Kontrast zu der finsteren Realität des Menschenhandels – ein absolutes Geschenk für die Kamera. Die filmischen Umsetzungen beweisen, wie wandelbar diese Vorlage ist:

  • Die schwedische Fassung (2001): Regisseur Leif Magnusson inszeniert den Stoff als dichten Fernsehfilm (bei dem Mankell selbst am Drehbuch mitwirkte). Hier ist es Rolf Lassgård, der die körperliche und psychische Erschöpfung Wallanders bis zur Schmerzgrenze greifbar macht.
  • Die BBC-Adaption (2008): Unter der Regie von Philip Martin bettet Kenneth Branagh den Ermittler in eine visuell radikale, ästhetisch kühle Bildsprache. Diese britisch-skandinavische Co-Produktion übersetzt das psychologische Drama in melancholische, fast gemäldeartige Kinobilder.

Beide Ansätze zeigen: Die visuelle Ur-Kraft, die Mankell 1995 auf Papier goss, brennt sich auch auf der Leinwand tief in das kollektive Gedächtnis ein. Mir gefallen die Filme, jeder für sich.

Die falsche Fährte (1995) ist meines Erachtens ein Meisterwerk, weil es den klassischen Kriminalroman mit einer harten gesellschaftlichen Anklage verbindet. Das Thema Menschenhandel gibt der Geschichte eine Relevanz, die weit über das Jahr ihrer Entstehung hinausgeht. Mankell zeigt, dass die schlimmsten Verbrechen oft dort geschehen, wo die Fassade am saubersten glänzt.

Henning Mankell: Die falsche Fährte. Erschienen 1995 in Schweden (Original: Villospår), auf Deutsch 1999 bei dtv, übersetzt von Erik Gloßmann.


Meine Wallander-Reihe wächst. Mehr gibt es hier im Blog: Der Mann, der lächelte, Die weiße Löwin, Die Hunde von Riga und Mörder ohne Gesicht.

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