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In der neurechten Blase

Satire darf nicht nur wehtun, sie muss es manchmal sogar. Zornfried von Jörg-Uwe Albig ist in der Tat schmerzhaft – und das auf die beste, weil entlarvendste Art. Wer der Ideologie der alten oder Neuen Rechten verfallen ist, wird diesen Roman wohl kaum freiwillig lesen (oder sich erfolgreich einreden: Das betrifft mich nicht). Für alle anderen ist das Buch ein aufschlussreicher, bitterböser Einblick in die neurechte Blase – und eine Warnung, die weit über die Medienwelt hinausreicht.

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Wenn Weltpolitik im Vorgarten landet

Henning Mankell hat zwei Szenen geschrieben, die sich fest in meinem Gedächtnis eingebrannt haben. Ich kann das Kopfkino auch über 30 Jahre nach der ersten Lektüre jederzeit starten. Beide Szenen stammen aus Die weiße Löwin, für mich der vielleicht beste Roman der Reihe.

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Die Apokalypse im Vorgarten

Irgendwann fahren sie mit Booten von Haus zu Haus – und keiner fragt mehr, warum das so ist. In seinem Roman Blue Skies seziert T. C. Boyle das langsame Erwachen einer kalifornischen Familie im Zentrum der Klimakatastrophe. Da ist Mutter Ottilie, die versucht, ihren ökologischen Fußabdruck mit dem Frittieren von Grillen zu retten. Ihre Tochter Cat, eine Influencerin in Florida, die sich als Lifestyle-Accessoire eine Tigerpython zulegt. Und Cooper, Ottilies Sohn und Insektenforscher, der als Einziger sehenden Auges in den Abgrund blickt.

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Wenn die Kälte aus dem Osten kommt

Für mich immer wieder faszinierend: Henning Mankell beherrschte die Kunst, mit wenigen Worten eine Atmosphäre zu schaffen, die den Leser frösteln lässt. In Hunde von Riga ist diese Kälte allgegenwärtig. Das Meer, auf dem der Fischkutter mit seiner dubiosen Besatzung dümpelt, ist eisig; die Gestalten in diesem Roman sind es ebenso. Selbst die Frau, in die sich Ermittler Kurt Wallander in diesem zweiten Teil der Reihe verliebt, strahlt kaum Wärme aus: Baipa Liepa.

Mord mit Nachbeben

Der Fall nimmt seinen Lauf, als zwei fein gekleidete, erschossene Letten an die schwedische Küste getrieben werden. Die örtliche Polizei arbeitet zunächst eng mit dem Kommissariat in Riga zusammen. Major Liepa reist nach Ystad; er und Wallander finden einander auf Anhieb sympathisch. Für die schwedischen Behörden scheint der Fall bald erledigt, da Lettland die Zuständigkeit übernimmt. Doch kaum ist Liepa zurück in seiner Heimat, wird er ermordet.

Dies ist für die lettischen Kollegen (oder zumindest einen Teil von ihnen) Anlass genug, Wallander einzuladen – in eine völlig andere Welt. Obwohl Lettland bereits 1990 seine Unabhängigkeit erklärt hatte, weht dort noch immer ein spürbar sowjetisch-kalter Wind. Alles und jeder wird überwacht; es riecht nach der alten DDR oder besser: nach radikalem Kommunismus. Entsprechend düster sind die Charaktere gezeichnet, auf die Wallander vor Ort trifft. Den beiden Obristen Murniers und Putnis traut er nicht über den Weg – und wie sich herausstellt, völlig zurecht.

Ein gefährliches Spiel

Wallander, der in Riga heimlich Kontakt zur Witwe des ermordeten Major Liepa aufnimmt, verfällt dieser unnahbaren Frau. Baipa wirkt aus gutem Grund unterkühlt; sie darf nicht auffallen, bleibt auf Distanz wie in einem klassischen Spionagethriller. Dass sie dem Netzwerk der Dissidenten angehört, mag Wallander ahnen, doch die Obristen präsentieren ihm schnell einen Sündenbock. Der Kommissar wird zurück nach Schweden beordert – Fall abgeschlossen, zumindest offiziell.

Doch Baipa lässt ihn nicht los. Wallander beginnt ein gefährliches Spiel: Er täuscht seinen Vorgesetzten einen Urlaub vor, kehrt jedoch auf eigene Faust nach Riga zurück und riskiert sein Leben. Erst jetzt entfaltet sich die ganze Wucht des totalitären Apparats. Mankell schildert eindringlich, wie es ist, vor den „gehetzten und hetzenden Hunden“ fliehen zu müssen. Fast wären Wallander und Baipa hingerichtet worden – ein Moment, in dem der Kommissar innerlich bereits mit seinem Leben abgeschlossen hatte. Es wird schmerzhaft deutlich: Diejenigen, die den Staat und damit eigentlich die Menschen schützen sollten, sind hier die wahren Bösewichte.

Architektur der Angst

Grandios beschreibt Mankell die Suche nach kompromittierenden Papieren im Archiv des Polizeipräsidiums. Das Gebäude selbst wird zum perfiden Symbol für ein marodes System: Geheimgänge, identisch aussehende Flure, die ins Verderben führen, grauer Beton – trostlos und eben: kalt.

Mit diesem 1992 im Original erschienenen Roman schuf Mankell einen Politthriller, der seine gesellschaftliche Schärfe erst nach und nach offenbart. Die Erkenntnis, dass diese Fiktion der damaligen Realität erschreckend nahekam, bleibt hängen. Hunde von Riga ist keine Dystopie, aber mindestens ebenso eisig.

Mensch hinter der Marke

Über den spannenden Plot hinaus nutzt Mankell diesen zweiten Band, um das Profil seines Ermittlers noch schärfer herauszuarbeiten. Er zeichnet das Bild eines müden Mannes, der den zermürbenden Polizeialltag längst satt hat und sich in seiner Einsamkeit zwischen Beziehungsunfähigkeit und Alkohol verliert. Auch die körperlichen Verschleißerscheinungen lassen sich nicht mehr ignorieren: „Kurz nach zwei erwachte Wallander mit einem stechenden Schmerz in der Brust.“ In solchen Momenten überkommt ihn der tiefe Weltschmerz; er sinniert in kurzen, abgehackten Sätzen darüber, dass vom Leben am Ende wohl nichts übrigbleiben würde. Doch dann setzt Mankell jene entscheidende Zeile, die nicht nur für diesen Fall, sondern für das Verständnis der gesamten Reihe essenziell ist: „Aber nach und nach zwang er sich dazu, die Kontrolle über sich wiederzugewinnen.“ Genau dieser mühsam errungene Wille zur Selbstbehauptung ist es, der Wallander letztlich handlungsfähig hält und den Ausgang von Hunde von Riga bestimmt.

Hunde von Riga ist (in dieser Fassung) 2000 bei dtv erschienen, übersetzt von Barbara Sirges und Paul Berf.

Größe, Flucht und Schuld

Es kann gut sein, dass ich schon einmal über Herbert gelesen habe. Vielleicht 2008, in einem Spiegel-Artikel über eine „Harakiri-Expedition“ in die Antarktis. Ein Thema, das mich ohnehin interessiert – spätestens befeuert durch Christoph Ransmayrs Die Schrecken des Eises und der Finsternis. Auch zu Herbert gibt es zahlreiche Artikel. Zu jenem Herbert also, der im wirklichen Leben Herbert Schröder-Stranz hieß und seit 1912 als verschollen gilt. Jetzt setzt ihm Bernhard Schlink eine Art literarisches Denkmal – im Roman Olga, der mir, ungekürzt und ausdrucksstark gelesen von Burkhart Klaußner, sehr gut gefallen hat.

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