Die Apokalypse im Vorgarten

Irgendwann fahren sie mit Booten von Haus zu Haus – und keiner fragt mehr, warum das so ist. In seinem Roman Blue Skies seziert T. C. Boyle das langsame Erwachen einer kalifornischen Familie im Zentrum der Klimakatastrophe. Da ist Mutter Ottilie, die versucht, ihren ökologischen Fußabdruck mit dem Frittieren von Grillen zu retten. Ihre Tochter Cat, eine Influencerin in Florida, die sich als Lifestyle-Accessoire eine Tigerpython zulegt. Und Cooper, Ottilies Sohn und Insektenforscher, der als Einziger sehenden Auges in den Abgrund blickt.

Das Erschreckende an diesem Szenario ist nicht neu, aber Boyles Zugriff ist es: Die Natur ist hier längst nicht mehr das schützenswerte Gut, sie ist unberechenbar geworden – eine Bedrohung, die man achselzuckend hinnimmt, solange der Chablis noch gekühlt ist. Die Schlange, die Cat oberflächlich zur Schau stellt, wird zum Sinnbild dieses Hochmuts: schön, gefährlich – und letztlich absolut unkontrollierbar.

Es ist Cooper, in dem sich die Tragik des Romans bündelt. Obwohl er beruflich mit der Ökologie verbunden ist, bleibt er emotional isoliert. Seine Verzweiflung ist still, schleichend und gerade deshalb so eindringlicher als jeder laute Aktivismus. In ihm dürften sich viele Lesende wiederfinden: Er erkennt die Warnzeichen glasklar – und ist dennoch gelähmt von der eigenen Ohnmacht.

Lose Trilogie

Innerhalb von Boyles gewaltigem Gesamtwerk schließt Blue Skies eine lose Trilogie des ökologischen Kollapses ab: Folgte Ein Freund der Erde (2000) noch den Spuren einer postapokalyptischen Zukunft und sezierte Die Terranauten (2016) das Scheitern einer künstlichen Biosphäre im Labor, ist die Katastrophe nun im banalen Hier und Jetzt angekommen. Boyle muss keine Zukunftsszenarien mehr erfinden; er dokumentiert schlicht den Ist-Zustand. Es ist das reife Spätwerk eines Autors, der das epische Panorama früherer Romane wie Wassermusik gegen die klaustrophobische Enge eines familiären Mikrokosmos eingetauscht hat.

Was mich an Boyles Schreiben seit jeher beeindruckt: Er verzichtet auf den wohlfeilen moralischen Zeigefinger. Stattdessen nutzt er das Werkzeug der bitterbösen Satire. Er führt seine Figuren in ihrer Lifestyle-Obsession vor, ohne sie zu verraten. Das tut weh, ist bisweilen grotesk komisch – und wirkt gerade deshalb so nachhaltig nach.

Dass auch dieser Roman hierzulande sofort wieder die Bestsellerlisten stürmte, überrascht kaum. In Deutschland genießt der Kalifornier seit Jahrzehnten eine nahezu kultische Verehrung, die in ihrer Intensität selbst die Rezeption in seiner amerikanischen Heimat übertrifft. Die deutsche Leserschaft liebt Boyles popliterarische Attitüde gepaart mit europäischer Erzähltradition. Seine ausgedehnten Lesereisen durch die Bundesrepublik sind regelmäßig ausverkaufte Hochämter der Literatur, bei denen er wie ein Rockstar gefeiert wird. Vielleicht liegt es an einer tief verwurzelten deutschen Sehnsucht nach gesellschaftskritischen Stoffen, dass ausgerechnet Boyles melancholisch-böse US-Satiren hier ihren emotionalen Heimathafen gefunden haben.

Eine unbedingte Leseempfehlung für alle, die wissen wollen, wie sich das Ende der Welt anfühlt, während man online nach neuen Rezepten sucht.

T. C. Boyle, Blue Skies, übersetzt von Dirk van Gunsteren, Hanser 2023.

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