Wer mich nach der besten Mediensatire der vergangenen Jahre fragt, bekommt eine prompte und unmissverständliche Antwort: Die Terranauten von T. C. Boyle. Menschen zu isolieren und ihr Zusammenleben als mediales Spektakel zu verkaufen – daran hat sich das Reality-TV im Fernsehen schon oft auf erbärmliche Weise versucht. Doch während das klassische Container-Format an der eigenen Oberflächlichkeit krankt, hebt T. C. Boyle das Prinzip auf ein völlig neues Niveau.
Man stelle sich vor, die soziale Isolation bekäme einen tiefen, scheinbar unumstößlichen wissenschaftlichen Hintergrund. Ein naturwissenschaftliches Großexperiment vor den Augen der Weltöffentlichkeit: Kann der Mensch in einer künstlich geschaffenen, abgeschlossenen Atmosphäre überleben? Er kann es sicherlich – die Frage ist nur: wie? Denn in letzter Konsequenz bleibt der Mensch eben doch nur Mensch. Passend dazu bekannte Boyle einst in einem Interview mit Denis Scheck, dass sein Herz „black inside“ sei.
Das reale Scheitern
Im echten Leben ist dieses Experiment längst spektakulär gescheitert. Das historische Vorbild „Biosphere 2“ sollte in den 1990er-Ehren in der Wüste Arizonas herausfinden, ob ein geschlossenes Ökosystem als Blaupause für künftige Mars- oder Mondstationen der NASA taugt. Finanziert von einem texanischen Milliardär für schlappe 200 Millionen US-Dollar, kollabierte das Projekt unter anderem an Sauerstoffmangel, Ungezieferplagen und der bitteren Realität, dass sich ein verletzter Mitbewohner für eine Operation nach draußen begeben musste. Von wegen autark.
Aus diesem realen Fiasko spinnt Boyle sein großes erzählerisches Spiel. Im Roman heißt das Projekt „Ecosphere 2“ (denn die „Eins“ ist unsere Erde). Geleitet wird es von Jeremiah Reed, von allen ehrfürchtig und bezeichnenderweise nur „GV“ – Gottvater – genannt. Er ist der eigentliche „Große Bruder“ dieser Versuchsanordnung: Ein narzisstischer Strippenzieher, der im Rampenlicht aufblüht und dessen unsichtbare, aber Allgegenwart die Kuppel beherrscht.
Brodeln unter der Kuppel
Acht sorgsam ausgewählte Wissenschaftler, vier Männer und vier Frauen, ziehen für zwei Jahre in die Isolation. Boyle entfaltet die Dynamik meisterhaft aus wechselnden Perspektiven. Etwa aus der von Dawn Chapman, der zuständigen Nutztierwärterin. Ihr „beste Freundin“ Linda Ryu musste draußen bleiben, war bei der Auswahl durchgefallen – ein Nährboden für Neid und Missgunst, der von der Außenwelt unaufhörlich in die Kuppel hineinstrahlt.
Dann ist da Ramsay Roothoorp, Kommunikationsoffizier und Leiter des Wassermanagements. Ramsay ist ein Selbstdarsteller, der die Anerkennung im Kleinen sucht, was Dawn treffend beschreibt, als er sich einmal zum Kochen überreden lässt:
„Wir priesen ihn, denn er hatte die Torte gewissenhaft in acht Teile geteilt…“
Doch der anfängliche Idealismus weicht rasch der existenziellen Öde. Irgendwann sind alle CDs gehört, der Minztee und der selbstgebraute Bananenwein sind getrunken. Und Boyle wirft auf Seite 127 die entscheidende Frage auf: Was sonst noch? Es ist der Kipppunkt. Zuerst drehen die Tiere durch, dann streikt die Technik – und schließlich haken die Menschen.
Natur schlägt Wissenschaft
In welche Richtung die psychologischen Verwerfungen laufen würden, kündigt bereits Dawns erster Satz an:
„Man hatte uns von Haustieren abgeraten, dergleichen von Ehemännern und festen Freunden, und dasselbe galt natürlich auch für Männer, von denen, so viel man wusste, keiner verheiratet war.“
Emotionen und sterile Wissenschaft vertragen sich nicht, auch wenn „Vortäuschung“ und „Theater“ von Anfang an eine kalkulierte Rolle im PR-Konzept von Ecosphere 2 spielten. Wie groß diese Rolle in Wirklichkeit ist, zeigt sich auf engstem Raum: Kann man junge, reproduktionsfähige Menschen zwei Jahre lang einsperren, ohne dass Sex im Spiel ist? Natürlich nicht.
Als Dawn schwanger wird, gerät das saubere Konzept der Halbgötter draußen in der Zentrale völlig ins Wanken. Doch an einen Abbruch denkt sie nicht. Sie entscheidet sich, das Kind unter der Glaskuppel auszutragen und macht die Mission damit endgültig zur weltweiten Reality-Soap, die in einer skurrilen Hochzeit gipfelt:
„Ich nehme an, alle Bräute sind nervös, und zwar nicht nur wegen des unumkehrbaren Schrittes, den sie im Begriff sind zu tun, sondern wegen all der Pracht und Herrlichkeit und der sehr realen Sorge, sie könnten über ihre Schleppe stolpern, den Brautstrauß fallen lassen oder sonst irgend eine kleine oder große Ungeschicklichkeit begehen. Ich war keine Ausnahme, aber ich stand ja auch in einem Rampenlicht, dem nur wenige Bräute ausgesetzt sind, mit Ausnahme vielleicht von Pamela Anderson oder Prinzessin Diana. Ich hatte es nicht nur mit der versammelten Presse zu tun, mit meinen gekränkten Eltern, GV, einer eifersüchtigen, verbitterten Judy sowie einer nicht weniger eifersüchtigen, verbitterten Linda, ganz zu schweigen von der Kleinigkeit, dass ich seit mindestens vier Monaten schwanger war, sondern auch mit der Tatsache, dass ich mit einem Schlag das Gesicht von Mission 2 geworden war, während alle anderen, auch Ramsay, in den Hintergrund traten.“
Die Terranauten ist ein berauschender, bitterböser Roman über die Unbezähmbarkeit der menschlichen Natur und die Allmacht der Medien. Boyle zeigt uns im Kleinen, was im Großen täglich passiert: Wie Ideale der Selbstdarstellung geopfert werden und wie schnell der Mensch an den eigenen, künstlichen Mauern scheitert.
T. C. Boyle: Die Terranauten. Aus dem Englischen von Dirk van Gunsteren. Carl Hanser Verlag, München 2017 (mittlerweile als Taschenbuch erhältlich).