Pompeji als zeitlose Mahnung

Wie nur wenige andere Autoren versteht es Robert Harris, historische Fakten meisterhaft mit Fiktion zu verknüpfen. In seinem Bestseller Vaterland tat er das so konsequent, dass man ihm die beklemmende Dystopie – ein fortbestehendes NS-Regime in den Fünfzigern – von der ersten Seite an abnahm. Was zunächst hanebüchen klingen mag, funktioniert innerhalb der Geschichte perfekt. Bei Pompeji ist es genau das Gleiche.

Harris erzählt die Geschichte des Vesuv-Ausbruchs im Jahr 79 nach Christus bemerkenswert straff. Die Handlung konzentriert sich auf vier entscheidende Tage vor, während und kurz nach der Katastrophe. Im Mittelpunkt steht Atilius, ein junger Wasserbaumeister. Seine Aufgabe: Er soll die Wasserversorgung der defekten Aqua Augusta wieder sicherstellen. Atilius ist ein Mann des Bodens, ein Praktiker, der wenig übrig hat für die hochtrabenden Phantasienamen seiner Landsleute. Er heißt nicht Lupus oder Panthera. Während seine Ingenieurskunst die Natur in Bahnen zwingt, um Menschen schlicht mit Wasser zu versorgen, dient die Natur den Reichen nur noch dem Luxus. Ein scharfer Kontrast zum Neureichen Ampliatus, der vor seiner Protzvilla mit immensem Kostenaufwand exotische Fische im Meerbecken hält.

Dekadenz aus der Vogelperspektive

Dass Atilius’ Vorgänger Exomnius spurlos verschwunden ist, verleiht dem Roman ungewollt detektivische Züge. Irgendetwas stimmt nicht – weder mit dem verschwundenen Meister noch mit dem Aufseher Corax oder den Bürgern der Stadt. Pompeji entpuppt sich als Metropole der Glücksritter. Das Forum bietet die üblichen Belustigungen: Stierkämpfe, Gladiatoren, Boxer im griechischen Stil. Scheinbar vom Edelleut Pompidius bezahlt, in Wahrheit aber von Ampliatus finanziert. Es ist ein dekadenter Alltag, der die heraufziehenden, fast biblischen Vorzeichen ignoriert:

„Atilius fiel auf, dass über dem Vesuv ein Stern zum Vorschein gekommen war. […] Bisher hatte er den Berg noch nie angesehen, und schon gar nicht aus diesem Blickwinkel.“

Dieser Blickwinkel ist entscheidend. Die da oben im scheinbaren Luxus, während die Natur von unten heranschwillt – diese Perspektive macht den Kern des Romans aus. Harris zeigt uns, dass Dekadenz als Lebensmodell für Privilegierte zwar verlockend ist, aber auf Dauer nicht funktioniert. Diese Eliten bauen sich eine eigene Welt, wähnen sich im eigenen Kosmos sicher, verklären die Wahrheit und blicken verachtend auf die Ohnmächtigen hinab. Getrieben sind sie dabei oft von diffusen Ängsten vor Kontroll- und Machtverlust.

Der ewige Zirkel der Macht

So funktionieren Diktaturen – zumindest für eine gewisse Zeit im Sinne der Machthaber. In diese abstruse Konstruktion passen die historischen Nationalsozialisten ebenso wie die Bonzen der DDR, die Kims in Nordkorea oder ein Donald Trump und seine Gefolgschaft. Es sind jene, die den innersten Zirkel erreicht haben und Macht nicht nur ausüben, sondern selbst Macht sein wollen.

Man mag darin auch eine Nähe zu aktuellen politischen Verhältnissen in Deutschland interpretieren, zu jenen, die zumindest „nah dran“ sein wollen – auch wenn eine Partei wie die AfD für Harris‘ subtile Machtstrukturen wohl zu tumb agiert. Doch Tumbheit tritt in Abstufungen auf, und auch sie kann gefährlich, ja tödlich sein.

Die Bezüge zur Moderne stellt Harris dabei ganz explizit her. Er nutzt nicht nur Erkenntnisse der neueren Vulkanologie, sondern stellt dem Roman ein ironisches Zitat von Tom Wolfe (Hooking up) voran. Dieses beschreibt zu Beginn des dritten Jahrtausends die „amerikanische Überlegenheit in allen Belangen“ – von der Wirtschaft über die Technik bis zum Militärwesen. Das Urteil damals: „total“ und „unzweifelhaft“. Für Harris ist dies das perfekte, entlarvende Motto für seine Geschichte, die am 22. August 79 beginnt.

Wenn die Lebensader reißt

Ein brillanter Schriftsteller wie Harris reagiert kreativ auf solche Gesellschaftsbilder – zeitlos im Erscheinungsjahr 2004 und genauso wertvoll heute. Die dekadente Welt Pompejis funktioniert nur, weil kluge Architekten ein System gebaut haben, das den Moloch von außen versorgt. In diesem Fall mit Wasser. Wird diese Lebensader abgeschnitten, bricht das gesamte Gefüge zusammen. Wenn der Baumeister ermordet wird, kann sein Nachfolger das System nur noch notdürftig kitten, aber nicht mehr retten.

Insofern ist die Aqua Augusta der perfekte Vorbote der Katastrophe. Der Mensch nutzt die Natur zur Selbstversorgung, missbraucht sie dann aber, indem er im übertragenen Sinne eine Luxustherme nach der anderen baut. Wie menschenverachtend dieses System im Inneren ist, zeigt eine beklemmende Szene: Ampliatus lässt einen Sklaven lebendig den Muränen vorwerfen – bloß weil er einen Sündenbock für den Schwefelgestank im Wasser sucht.

Eine Mahnung, kein Weltuntergangskitsch

Man kann die naive Angst von Atilius’ Bautrupp, dass die „Riesen aus dem Vesuv“ aufsteigen, ruhig wörtlich nehmen: Gegen die entfesselten Naturgewalten kommt am Ende niemand an. Vielleicht überleben nur jene, die so modern und gerecht denken wie Atilius oder die junge Corelia – auch wenn offenbleibt, ob die Zukunft, in die sie flüchten, wirklich besser wird.

Harris hebt seinen Roman weit über das Niveau simpler Katastrophenfilme hinaus. Die Beschreibung des Schreckens ist beeindruckend, gewinnt ihre eigentliche Wucht aber erst durch den beklemmenden gesellschaftlichen Hintergrund und die Brücke in die Jetzt-Zeit. Atilius scheint vieles von diesen Zusammenhängen bereits zu ahnen, ohne es konkret zu wissen. Als Einzelgänger wird er zum Wanderer zwischen den Zeiten. Pompeji liest sich somit nicht wie das morbide Spektakel rund um den Maya-Kalender oder den Untergang der Titanic, sondern als zeitlose Mahnung und als leiser Hinweis darauf, ein gutes, gerechtes und menschliches Leben zu führen.

Robert Harris: Pompeji. Aus dem Englischen von Christel Wiemken. Heyne, München 2003 (deutsche Erstausgabe 2004).

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert