Es würde mich nicht wundern, wenn im Tal plötzlich der Hörnerhannes um die Ecke käme. Robert Seethalers skurrile Figur, jene geheimnisvolle Klammer in Ein ganzes Leben, würde erstaunlich gut in die Welt von Tommy Goertz passen. Beide Autoren erschaffen Landschaften, die weit mehr sind als Kulisse. Sie prägen die Menschen, bewahren Erinnerungen und erzählen ihre ganz eigenen Geschichten. Manchmal spricht das Schweigen lauter als jedes geschriebene Wort.
Die im Rückblick erzählte Geschichte führt tief in eine dörfliche Provinz, in der das namensgebende Tal zur Bühne eines psychologischen Kammerspiels wird. Die Menschen sind arm. „In diesem kaltdunklen Loch will niemand leben“, schreibt Goertz in seiner präzisen, schnörkellosen Sprache. Und doch leben sie hier – gefangen in einer Welt, aus der kaum jemand auszubrechen vermag. Das Tal wirkt wie ein Käfig voller eigenwilliger, bisweilen skurriler Figuren, deren Leben von alten Abhängigkeiten, unausgesprochenen Konflikten und den Geistern der Vergangenheit bestimmt wird. Was nach außen wie eine verschlossene Dorfgemeinschaft erscheint, entpuppt sich nach und nach als dichtes Geflecht aus Loyalitäten, Verletzungen und verdrängten Wahrheiten.
Toni Rosser gehört zu den Figuren, die lange im Gedächtnis bleiben. Er ist sensibel, beobachtet genau und spürt früh, dass die vom Vater aufgezwungene Metzgerlehre für ihn nicht der richtige Weg ist. Statt eines Neuanfangs erlebt er nur die Fortsetzung seines Martyriums. Für seinen Meister ist er lediglich der billige Handlanger – „Schmidt sein Depp“. Goertz beschreibt diese Demütigungen mit großer Zurückhaltung und gerade deshalb so eindringlich. Als Toni denkt: „Ein Schnitt, und deine Nase ist ab … Und ein Stich nur, und du bist tot wie eine Sau“, wird die aufgestaute Wut eines jungen Mannes sichtbar, der sich kaum anders zu helfen weiß.
Auch eine unglückliche Liebe verändert sein Leben nicht zum Besseren. Toni flieht regelrecht zum Militär und gerät als kaum Zwanzigjähriger in den Horror des Ersten Weltkriegs. Traumatisiert kehrt er in das Tal zurück – doch der Ort, den er verlassen wollte, hat ihn längst nicht losgelassen. Der Vater ist inzwischen gestorben, Toni übernimmt den heruntergewirtschafteten Hof. Doch selbst nach dessen Tod wirkt dessen Tyrannei fort. Alois war im Dorf gefürchtet und verhasst, und dieser Hass geht beinahe nahtlos auf den Sohn über. Toni wird zum Gefangenen einer Vergangenheit, die nicht seine eigene ist.
Halt in der Natur
Er sucht Abstand, arbeitet zeitweise als Flößer und findet in der Natur mehr Halt als unter Menschen. Doch die Geister der Vergangenheit lassen ihn nicht los. Auch der Zweite Weltkrieg reißt ihn erneut in den Strudel der Geschichte. Immer deutlicher wird, dass Goertz weniger von den großen historischen Ereignissen erzählt als von den Narben, die sie in einzelnen Menschen hinterlassen.
Ähnlich wie Seethaler versteht es Goertz, das Entscheidende oft unausgesprochen zu lassen. Die Spannung entsteht zwischen den Sätzen. Wo andere Krimis auf immer neue Wendungen setzen, vertraut er der Kraft genauer Beobachtung. Seine Sprache ist rau und zugleich poetisch. Beim Lesen meint man das Unterholz knacken zu hören und den Geruch feuchter Erde und von Holzrauch wahrzunehmen. Das Tal wird zu einem Ort, den man nicht nur sieht, sondern beinahe körperlich erlebt. Ganz nebenbei verdichten sich auch die Hinweise darauf, dass der Tod von Roessler wohl doch nicht so eindeutig zu erklären ist, wie zunächst angenommen.
Goertz beweist ein feines Gespür für die menschlichen Brüche und die Melancholie des Daseins. Seine Figuren tragen schwer an ihrer eigenen Geschichte, gefangen in einem Mikrokosmos, der Schutzraum und Gefängnis zugleich sein kann. Wer Seethalers unaufgeregte Erzählweise schätzt, wird sich auch in diesem Tal seltsam zu Hause fühlen – selbst wenn hinter der nächsten Wegbiegung nicht der Hörnerhannes wartet, sondern ganz eigene Geheimnisse.
Das Tal ist weit mehr als ein Kriminalroman. Tommy Goertz erzählt von Menschen, die ihrer Herkunft nicht entkommen, von einer Landschaft, die ihre Bewohner formt, und von den leisen Erschütterungen eines Lebens. Ein Buch für Leser, die Literatur nicht nur lesen, sondern betreten möchten. Und eines, das noch lange nachhallt, wenn man das Tal längst wieder verlassen hat.
Tommy Goertz: Das Tal. Piper Verlag, 2025.
Die Illustration zu diesem Beitrag stammt aus meinem Bildband Das Buch der Jahreszeiten. Für mich fängt es die raue, zeitlose Atmosphäre der Bergwelt ein und passt damit wunderbar zu diesem Roman. Ein ähnliches Motiv habe ich bereits für meinen Beitrag über Robert Seethalers Ein ganzes Leben verwendet.