Wieder eine schöne Literatur-Erfahrung: Mord im Herbst fühlte sich für mich bei der Wiederlektüre wie eine Reprise an – eine Rückkehr in die Welt Kurt Wallanders, obwohl ich mich von der Figur eigentlich längst verabschiedet hatte. Vielleicht hat mich die Erzählung von Henning Mankell auch deshalb so überzeugt, weil Wallander nach all den Romanen und Hörbüchern noch immer in meinem Kopf präsent war.
Mit diesem Buch verbindet mich zudem eine ganz persönliche Erinnerung. Vor einigen Jahren sollte in unserer Redaktion eine Reihe entstehen, in der wir aktuelle Bücher vorstellen. Ich entschied mich damals für Mord im Herbst. Das hatte natürlich mit meiner Begeisterung für Henning Mankells Ermittler zu tun. Vor allem aber bot die Erzählung einen idealen Anlass, auf die gesamte Wallander-Reihe zurückzublicken. Genau dieses Gefühl stellte sich nun bei der Wiederlektüre erneut ein.
Tatsächlich nimmt Mord im Herbst innerhalb des Wallander-Kosmos eine Sonderstellung ein. Die Erzählung entstand ursprünglich nicht für den deutschen Buchmarkt, sondern im Rahmen einer niederländischen Leseförderungsaktion. Dennoch fügt sie sich erstaunlich organisch in die Reihe ein.
Wir begegnen Wallander zu einem Zeitpunkt, an dem er sich eigentlich aus dem aktiven Polizeidienst zurückziehen möchte. Er hat sich den Traum vom eigenen Gehöft erfüllt und hofft auf ein ruhigeres Leben. Vielleicht mit einem Hund, etwas mehr Gelassenheit und der Aussicht, nach Jahrzehnten voller Gewalt und Verbrechen endlich Frieden mit sich selbst zu schließen.
Doch daraus wird nichts.
Als auf dem Grundstück eine menschliche Hand aus der Erde ragt, wird Wallander erneut mit einem ungeklärten Verbrechen konfrontiert. Die Vergangenheit des Hofes fordert ihr Recht ein, und aus einem scheinbar idyllischen Neuanfang entwickelt sich eine weitere Ermittlung.
Der eigentliche Reiz der Geschichte liegt jedoch weniger im Kriminalfall als in ihrer Atmosphäre. Mankell erzählt hier einen ungewöhnlich stillen Wallander-Roman. Die großen politischen und gesellschaftlichen Konflikte der früheren Bücher treten in den Hintergrund. Stattdessen dominiert eine melancholische Grundstimmung.
Wallander ist inzwischen ein Mann der Rückschau geworden. Er blickt auf sein Leben zurück, auf verpasste Chancen, gescheiterte Beziehungen und die Spuren, die seine Arbeit hinterlassen hat. Die Ermittlungen in der Vergangenheit des Hauses spiegeln dabei seine eigene Auseinandersetzung mit der Zeit. So wie die Wahrheit unter der Erde verborgen lag, ruhen auch in Wallanders Leben Erinnerungen und Erfahrungen, die sich nicht einfach begraben lassen.
Kein Entkommen
Vielleicht macht gerade das den besonderen Reiz dieser Erzählung aus. Mord im Herbst zeigt, dass es in Wallanders Welt kein wirkliches Entkommen vor den Toten gibt. Die Vergangenheit bleibt präsent. Sie wartet geduldig darauf, wieder ans Licht zu kommen.
Als eigenständiger Krimi gehört die Novelle sicher nicht zu den bedeutendsten Werken der Reihe. Als Ergänzung des Wallander-Kosmos hingegen ist sie außerordentlich gelungen. Sie schlägt eine atmosphärische Brücke zwischen den großen Fällen der mittleren Jahre und dem endgültigen Abschied von der Figur. Für Leserinnen und Leser, die Kurt Wallander über viele Jahre begleitet haben, fühlt sich Mord im Herbst deshalb an wie ein letztes, unerwartetes Wiedersehen mit einem alten Bekannten.
Henning Mankells Novelle erschien 2004 im niederländischen Original unter dem Titel Höststorm im Rahmen der Aktion „Nederland Leest“. Die deutsche Ausgabe unter dem Titel Mord im Herbst wurde 2013 im Paul Zsolnay Verlag veröffentlicht. Übersetzt wurde der Text von Wolfgang Butt. Innerhalb der Wallander-Reihe nimmt die Erzählung eine Sonderstellung ein, da sie zeitlich zwischen mehreren Romanen angesiedelt ist und vor allem den privaten Wallander in den Mittelpunkt rückt.