Abschied vom liebsten Kommissar

Schließlich das Finale: Der Feind im Schatten ist weit mehr als nur der zehnte und letzte Fall um Kurt Wallander; es ist die Bilanz eines ganzen Lebens. Henning Mankell verknüpft einen hochpolitischen Spionagefall, dessen Wurzeln bis in die Zeit des Kalten Krieges zurückreichen, mit dem wohl privatesten und grausamsten Kampf, den Wallander jemals führen musste: dem Kampf gegen sein eigenes Vergessen.

Mankells Schreiben ging mir bei dieser Wiederlektüre sehr nah. Über die Jahre hatte ich Kurt Wallander gewissermaßen ins Herz geschlossen. Mit jedem Roman war er vertrauter geworden, beinahe wie ein entfernter Bekannter, dessen Stärken und Schwächen man kennt. Und vielleicht liegt genau darin die besondere Wirkung dieses letzten Bandes: Man ahnt von Anfang an, dass die gemeinsame Zeit begrenzt ist.

Natürlich ist sie das nicht wirklich. Die Romane bleiben. Ich kann sie erneut lesen, als Hörbücher hören oder zu den Verfilmungen zurückkehren. Dennoch fühlt sich Der Feind im Schatten heute, mehr als zwanzig Jahre nach meiner ersten Begegnung mit Wallander, anders an als damals. Inzwischen haben Krankheit, Alter und Vergänglichkeit für mich eine andere Wirklichkeit bekommen. Menschen im eigenen Umfeld werden älter, manche werden krank, und nicht selten erlebt man die schmerzhafte Erfahrung, helfen zu wollen und doch machtlos zu sein.

Gerade deshalb trifft einen Mankells unerbittliche Ehrlichkeit mit voller Wucht. Es gibt keinen heroischen Abgang, kein letztes großes Triumphgefühl. Stattdessen schildert er den schleichenden Verlust der eigenen Identität durch die Alzheimer-Erkrankung. Während Wallander versucht, einen letzten komplizierten Fall zu lösen, beginnt ihm zunehmend das zu entgleiten, worauf er sein ganzes Leben gebaut hat: seine Erinnerungen, seine Gewissheiten und schließlich sein eigenes Selbstverständnis.

Wallander bleibt Wallander

Besonders erschütternd ist dabei, dass Wallander bis zuletzt Wallander bleibt. Er versucht weiterhin, Zusammenhänge zu erkennen, Verantwortung zu übernehmen und Ordnung in eine Welt zu bringen, die ihm immer fremder wird. Doch diesmal ist der Gegner nicht ein Verbrecher, kein politisches Komplott und keine gesellschaftliche Entwicklung. Diesmal sitzt der Feind im eigenen Kopf.

Wenn am Ende die Schatten länger werden und die Erinnerungen verblassen, bleibt das Bild eines Mannes zurück, der sein Leben lang versucht hat, die Welt ein Stück verständlicher zu machen – und schließlich an der Unverständlichkeit seines eigenen Geistes scheitert. Das ist erschütternd, traurig und manchmal kaum zu ertragen. Aber gerade deshalb ist es ein würdiger Abschluss. Henning Mankell schenkt seiner bekanntesten Figur keinen Trost und keine falsche Hoffnung. Er schenkt ihr etwas Wertvolleres: Wahrhaftigkeit.

Henning Mankells Roman erschien 2009 im schwedischen Original unter dem Titel Den orolige mannen. Die deutsche Übersetzung von Wolfgang Butt wurde im selben Jahr im Paul Zsolnay Verlag veröffentlicht. Als letzter Wallander-Roman bildet Der Feind im Schatten den Abschluss einer Reihe, die den europäischen Kriminalroman über Jahrzehnte geprägt hat und weit über die Grenzen des Genres hinausweist.

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