Ich habe Henning Mankells Die fünfte Frau auch deshalb so gerne gelesen, weil dieser Roman für mich ein echter Gradmesser ist. Beim Lesen merke ich schnell, ob ein Buch mich wirklich erreicht oder nicht. Ich glaube, genau das hat die Romane um den schwedischen Kommissar Kurt Wallander für mich von Anfang an so packend gemacht. Wallander ist in all seinen Schwächen nahbar, auch in seinen schmerzhaften Verlusten. Mankell schreibt so, dass dieser Mann fast zu einem Teil von dir selbst wird – weil du seinen Kosmos verstehst, seine mentalen Strategien nachvollziehen kannst und auch seine Fluchten begreifst. Weil er im besten Sinne anders ist; ein Mensch, dem man die große Oper, das heroische Ermittlertum, gar nicht zutraut.
In Die fünfte Frau führt uns Mankell in ein moralisches Dickicht, das weit über die übliche Tätersuche hinausgeht. Der Roman beginnt mit einer Serie von fast schon rituellen Morden – ein Vogelbeobachter wird in einer Pfahlgrube aufgespießt, ein Blumenhändler in einem See versenkt. Was zunächst wie die Taten eines Wahnsinnigen wirkt, entpuppt sich als ein eiskalt kalkulierter Rachefeldzug gegen Männer, die Frauen misshandelt haben.
Für mich gehört dieser Roman zu den größten Zerreißproben für Wallander. Das liegt nicht nur an der Grausamkeit der Fälle, sondern an seiner tiefen inneren Verwundbarkeit in dieser spezifischen Phase seines Lebens. Es ist der erste große Roman nach dem Tod seines Vaters. Das ist kein Nebenaspekt, sondern das emotionale Fundament seiner gesamten Verfassung.
Der sture alte Mann aus Lunnarp, der zeitlebens gegen Kurts Beruf wetterte und doch sein unbewusster Anker war, ist nicht mehr da. Die ewigen Rapsfelder und das Atelier des Vaters sind verwaist. Wallander ermittelt hier in tiefer Trauer, gepaart mit einem nagenden schlechten Gewissen. Wenn er in diesem Buch flieht – in die Einsamkeit seines Wagens oder in das monotone Abhören seiner geliebten Opernkassetten –, dann flieht er auch vor der Erkenntnis, dass er nun endgültig die vorderste Linie der eigenen Generation bildet.
Er sucht die heroische, klare Symmetrie von Verdi oder Puccini auf dem Kassettendeck, während er schweigend durch den schonischen Nebel fährt, weil die Realität um ihn herum jede Eindeutigkeit verloren hat.
Linda, oh Linda
Gleichzeitig erleben wir eine hochkomplexe, fragile Phase in der Beziehung zu seiner Tochter Linda. Sie ist kein Kind mehr, hat ihren Platz im Leben aber noch nicht gefunden, und Wallander beobachtet sie mit einer Mischung aus hilfloser Vaterliebe und tiefer Sorge. Er sieht in ihr seine eigene Verletzlichkeit gespiegelt. In einer Welt, die für Kurt gerade durch die rituellen Morde moralisch völlig aus den Fugen gerät, klammert er sich an die Verbindung zu Linda – und scheitert doch immer wieder an seiner Unfähigkeit, diese Nähe auch zuzulassen.
Er will sie beschützen, aber seine tiefste mentale Strategie bleibt die Distanz, das sture Vergraben in der Arbeit, was Linda nur noch weiter von ihm entfernt. Die Trauer um den Vater und die Sorge um die Tochter bilden dabei zwei Seiten derselben Erfahrung: Wallander spürt, wie die vertrauten Sicherheiten seines Lebens nach und nach verschwinden.
So muss er jemanden jagen, dessen Motive – die Bestrafung von Gewalt gegen Frauen – er auf einer menschlichen Ebene fast verstehen kann, während er die Unmenschlichkeit der Taten verabscheuen muss. Seine wichtigste Waffe, die intuitive Identifikation mit den Opfern, versagt hier streckenweise, weil die Opfer selbst brutale Täter waren.
Mankell stellt die unbequeme Frage nach der Selbstjustiz: Was passiert mit einer Gesellschaft, in der das Rechtssystem versagt und die Gepeinigten die Rolle des Henkers übernehmen? Wallander kämpft hier nicht nur gegen einen Mörder, sondern gegen das Gefühl einer tiefgreifenden Ohnmacht und gegen seinen eigenen physischen Verfall, den er an fahlen Tankstellen und in schlaflosen Nächten konsequent ignoriert.
Es ist ein düsterer, atmosphärisch dichter Roman, der zeigt, dass der „Riss in der Welt“ manchmal direkt durch unser eigenes Gerechtigkeitsempfinden verläuft.
Die fünfte Frau erschien 1996 im schwedischen Original und ist der sechste Band der Wallander-Reihe. Die deutsche Übersetzung stammt von Wolfgang Butt und erschien im Zsolnay Verlag. Auf rund 650 Seiten verbindet Henning Mankell einen vielschichtigen Kriminalfall mit einer eindringlichen Studie über Verlust, Schuld und die Fragilität menschlicher Gewissheiten. Wieder sehr lesenswert!