Wenn Jacques stirbt, stirbt bald auch die Monarchie. Dabei war Jacques doch nur Personal – mehr noch als alle anderen ein bloßes Anhängsel, mit dem sich der Gutbürger umgibt. Ein Anhängsel, dessen Unterkunft bezeichnenderweise nicht einmal ins Herrenhaus integriert ist, sondern buchstäblich draußen dranhängt. Und doch war dieser Diener genau so unehrlich wie die Offiziere, die Möchtegern-Leutnants und all jene, die krampfhaft den Mythos hochhalten, ihr Urgroßvater habe einst in der Schlacht von Solferino dem Kaiser das Leben gerettet.
Doch Ehrlichkeit bedeutet in dieser Welt ohnehin nichts – der schöne Schein ist das Maß aller Dinge. Im Radetzkymarsch von Joseph Roth wird das am Schicksal der Familie von Trotta exemplarisch durchexerziert, seit jener seligen Heldentat des Großvaters. Wie ein ewiges Echo erklingt die Marschmusik, und wie ein unnahbares Heiligtum hängt das Porträt des Ahnen über allem: über dem Roman, über dem Leben der Trottas – und über der gesamten sterbenden Monarchie.
Ausstellung einer Epoche
Ich denke gern in Literatur. Sie lässt mich oft auch nach der Lektüre nicht los und erweist sich im besten Fall als enge Verwandte großer Museumsausstellungen. Schon oft hatte ich mir gewünscht, eine bildhafte Sammlung über die Habsburgermonarchie zu besuchen. Ich wollte eintauchen in diese kaiserliche und königliche Doppelmonarchie, der apostolischen Majestät nahekommen und vor allem verstehen, wie die einfachen Soldaten und das Volk damals lebten.
Eine solche reale Ausstellung habe ich nie gefunden. Aber ich habe den Radetzkymarsch gefunden. Und dieser Roman ist so meisterhaft, dass er mich zweifeln lässt, ob ich diese reale Gesamtschau überhaupt noch brauche – es gibt sie längst auf diesen Seiten.
Roth tarnt seine Fiktion als sachlichen Bericht. Der Erzähler wertet nicht; er überlässt das Urteil ganz dem Leser. Dadurch schafft er eine unglaubliche Nähe zu den Figuren. Diese Nähe gründet sich selten auf Sympathie, sondern vielmehr auf tiefem Mitleid. Mich macht das tragische Unverständnis betroffen, mit dem diese Figuren agieren: Der junge Leutnant Carl Joseph von Trotta ist seinem Vater völlig ergeben. Jede Chance auf Emanzipation bleibt ungenutzt, weil ihn die lähmende Angst beherrscht, dem Vater und dem Kaiserreich nicht zu genügen. Später opfert Trottas eigener Bediensteter sein letztes Geld aus dem irrigen Glauben heraus, dieses Aufbegehren gehöre eben zum Dienen dazu. Die kaiserliche Propaganda hat perfekt funktioniert.
Geburtsstunde der Lebenslüge
Alles läuft immer wieder auf den Großvater hinaus. In der Schlacht von Solferino reißt er den Kaiser in letzter Sekunde zu Boden, fängt sich eine Kugel in die Schulter und darf sich fortan „Joseph Trotta von Sipolje“ nennen. Jahre später entdeckt dieser frischgebackene Held die heroische Beschreibung seiner Tat in einem kaiserlichen Schulbuch. Dort heißt es plötzlich im besten Propaganda-Stil, er habe gemeinsam mit dem Monarchen die feindlichen Truppen zurückgeschlagen.
Trotta, ein grundehrlicher Mann, beschwert sich entsetzt beim Kultusministerium. Die Antwort von oben ist eine der Schlüsselszenen des Buches: Man verweist auf die kindgerechte Darstellung und betont, er komme doch dabei schließlich nicht schlecht weg. Die Botschaft ist klar: Lass den Schein doch Schein sein, wir leben alle gut damit.
Hier offenbart sich das Wesen des Habsburgerreiches: Der Anschein ist das allgemeingültige, unerbittliche gesellschaftliche Spiel. Man lebt ihn, man lässt sich von ihm vereinnahmen, quälen und im schlimmsten Fall zugrunde richten. Weil das System auf dieser akzeptierten Oberfläche funktioniert, geht das Individuum – und das ist Roths eigentliches Interesse – unweigerlich daran kaputt. Roth schrieb den Roman 1932. Er wusste genau, dass diese Lebensmodelle dem Untergang geweiht waren und diejenigen, die darin groß wurden, in der neuen Zeit nicht überleben konnten.
Der unaufhaltsame Niedergang
Carl Joseph muss Soldat werden – auf Befehl seines Vaters, dem der Großvater nach der Schulbuch-Schmach das Militär ironischerweise strikt verboten hatte. Auf der Suche nach Nähe flüchtet sich der junge Leutnant in erotische Abenteuer. Er schläft mit der verheirateten Frau Slama, die kurz darauf im Kindbett stirbt. Als er dem Witwer kondoliert, kommt es zu einer zutiefst peinlichen Szene: Slama überreicht dem Liebhaber seiner toten Frau wortlos ein Paket mit Carl Josephs eigenen Liebesbriefen.
Auch im Dienst ist der Name des Großvaters Fluch und Segen zugleich. Als Trotta mit der Frau des Regimentsarztes Max Demant gesehen wird, provoziert der Rittmeister Tattenbach einen Skandal. Demant – mittlerweile mit Trotta befreundet – fordert den Spötter zum Duell. Beide Kontrahenten sterben. Von Schuldgefühlen zerfressen und zunehmend dem Alkohol verfallen, lässt sich Trotta an die trostlose russische Grenze versetzen.
Doch das Unglück bleibt ihm treu: Bei Unruhen in einer Borstenfabrik gibt er den fatalen Schießbefehl. Er gerät vor einen Untersuchungsausschuss. Seine Rettung verdankt er abermals dem sterbenden System: Als der alternde Kaiser Franz Joseph erfährt, wer vor ihm steht, lautet das bürokratische Urteil kurz und bündig: „Günstig erledigen.“
Das verstaubte Museum
Trotta will die Armee verlassen, treibt sich in Wien herum, verfällt der eleganten Frau von Taußig und verschuldet sich gnadenlos. Als der Geldverleiher unbarmherzig eintreibt, geht Trotta im Vollrausch mit dem Säbel auf den Mann los. Und noch ein letztes Mal retten ihn der lebende Kaiser und der tote Held von Solferino, nachdem Carl Josephs Vater um Hilfe gefleht hat. Die Schulden werden bezahlt.
Zwar legt Carl Joseph den Waffenrock schließlich ab, doch nach den Schüssen von Sarajevo und dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs zieht er die Uniform fatalerweise wieder an. In dieser dem Untergang geweihten Welt kann seine Geschichte nur noch tragisch enden.
Das Bild der historischen Ausstellung geht mir dabei nicht aus dem Kopf. Die imperiale Gesamtschau, die Joseph Roth vor uns ausbreitet, ist bereits im Moment des Erzählens von einer dicken Schicht Staub bedeckt. Roth wusste das. Sein Radetzkymarsch ist kein Denkmal, sondern der sezierende Nachruf auf eine Welt, die an ihrer eigenen Inszenierung zerbrach – und ein leiser, zeitloser Hinweis darauf, wie wichtig ein gutes, gerechtes und echtes Leben abseits der Fassaden ist.
Joseph Roth: Radetzkymarsch. Erstveröffentlichung 1932 (u.a. erschienen als dtv-Taschenbuch, München 1981).