Für Johann Wolfgang von Goethe war das Jahr 1797 ein Jahr des Erfolgsdrucks. Sein Wilhelm Meister kam beim Publikum gemischt an – Charlotte von Stein fand ihn schlicht langweilig. Zudem wollte und musste der Geheimrat seine Finanzen aufbessern. Obwohl er als Staatsbeamter in Weimar gut verdiente, schwebte ihm wohl schon der Kauf des Landguts Oberroßla vor, um dort mit Christiane Vulpius zu leben.
Seinem Verleger Vieweg überreichte er daher ein versiegeltes Couvert mit einer für damalige Verhältnisse fast unverschämten Honorarforderung: tausend Taler in Gold. Vieweg griff zu – und das bürgerliche Epos Hermann und Dorothea wurde zu Goethes größtem Publikumserfolg seit den Leiden des jungen Werther.
Künstlerisch verfolgte Goethe ein klares Ziel: Er wollte das Ideal des antiken Epos für die deutsche Dichtung lebendig machen. Unterteilt in neun Gesänge, die jeweils nach einer der neun Musen benannt sind, wählte er dafür den klassischen Hexameter. Zugegeben: Diese Versform erfordert beim Lesen heute etwas Übung. Doch wer sich auf den Rhythmus einlässt, erlebt ein berauschendes Stück Literatur, das viel über die Ästhetik der Goethezeit verrät.
Hinter der kunstvollen Form steckt jedoch eine hochpolitische Fluchtgeschichte. Deutsche fliehen aus den linksrheinischen Gebieten vor den französischen Revolutionstruppen – ein Szenario, das Goethe aus eigener Anschauung kannte. Im Epos trifft dieser Flüchtlingstreck auf das rechtsrheinische Spießbürgertum, das sich in seiner vermeintlich heilen Welt eingerichtet hat.
Die kalkulierte Barmherzigkeit
Angeführt wird dieses Milieu von Hermanns Vater, einem angesehenen Gasthofbesitzer. Er gibt sich besorgt, gefällt sich in der Rolle des edlen Spenders und schickt seinen Sohn Hermann mit „milden Gaben“ ins Flüchtlingslager. Seine Frau darf sogar den Schlafrock aus feinstem Kattun spenden – er entspricht ohnehin nicht mehr der neuesten Mode.
Am Stammtisch wird die Katastrophe derweil zur gutbürgerlichen Unterhaltung. Der Apotheker und der Pfarrer kehren mit Berichten über das Elend aus dem Lager zurück. Man echauffiert sich kurz und geht dann schnell zum gemütlichen Rheinwein über. Sobald es konkret wird, bleibt die bürgerliche Solidarität reine Geste. Dorothea durchschaut das später bitterböse: „Ihr fühlt nicht Mitleid genug mit dem Armen.“
Suche nach Reinheit
Dorothea ist das moralische Gegenbild: Sie hilft aus tiefster Ehrlichkeit. Als Hermann sie im Lager trifft, hat sie gerade einer flüchtenden Mutter beigestanden. Er verliebt sich prompt in sie – was den zentralen Konflikt des Epos auslöst. Der Vater, der für seinen Sohn eine reiche Partie und den gesellschaftlichen Aufstieg vorsieht, ist strikt gegen die Verbindung. Erst als Hermann aus Trotz und Verzweiflung mit dem Militär droht, lenkt die Mutter vermittelnd ein.
Pfarrer und Apotheker werden ausgeschickt, um Dorotheas Leumund zu prüfen. Selbst ein Richter aus dem Flüchtlingslager bescheinigt ihr, eine „treffliche Jungfrau“ zu sein. Der Vater lenkt ein, doch das nächste Drama bahnt sich an: Aus Angst vor Zurückweisung offenbart Hermann Dorothea seine Liebe nicht. Er bietet ihr stattdessen an, als Magd im Haus seiner Eltern zu arbeiten.
Erst nach nächtlichen Missverständnissen auf der Weinbergtreppe und einer dramatischen Prüfung durch den Pfarrer klärt sich die Situation. Dorothea, deren erster Verlobter in den Pariser Revolutionswirren starb, nimmt Hermanns Antrag an. Für Hermann steht fest: Diese neue Verbindung muss gegen alle Stürme der Zeit verteidigt werden.
Ein schmerzhafter Spiegel
Die Geschichte mag nicht ganz frei von Kitsch und vorhersehbaren Wendungen sein, doch ihre eigentliche Kraft liegt in der messerscharfen Milieustudie. Die Parallelen zu unserer Gegenwart sind frappierend und schmerzhaft zugleich.
Das Stück entlarvt eine moralische Doppelmoral, die uns heute unter dem Begriff der „Willkommenskultur“ nur allzu vertraut ist. Wer das Schicksal Notleidender nur aus der eigenen, komfortablen Wohlstandsblase heraus beurteilt, verliert die Menschlichkeit. Beim Lesen stockt einem der Atem, weil man begreift: Wir haben kaum etwas dazugelernt.Wer das Werk nachschlagen möchte, ist mit der klassischen Reclam-Ausgabe oder der praktischen Taschenbuchausgabe des Insel-Verlags (Band 1, 1993) bestens beraten.
Besonders ans Herz gelegt sei jedoch das Hören: Die ungekürzte Lesung des legendären Goethe-Interpreten Gert Westphal (NDR-Produktion von 1988, erschienen im Audio-Verlag) macht den Hexameter zu einem flüssigen, packenden Genuss.