Es gab einen Mankell vor Wallander und lange vor den großen Afrika-Epen, die wir heute kennen. Der Sandmaler ist ein echtes Frühwerk. Wer Henning Mankells Werk liebt, erkennt das sofort – nicht etwa, weil der Roman schwach wäre, sondern weil er eine ganz eigene, fast noch ungeschliffene Energie besitzt. Mankell war gerade 24 Jahre alt, als er das erste Mal afrikanischen Boden betrat. Nach seiner Rückkehr schrieb er diesen Roman, der 1974 in Schweden erschien und erst Jahrzehnte später den Weg zu uns fand.
Im Zentrum stehen Elisabeth und Stefan. Beide haben gerade ihr Abitur in der Tasche, hatten eine flüchtige Affäre und reisen nun – zunächst unabhängig voneinander – in ein ungenanntes afrikanisches Land.
In ihren Charakteren spiegelt Mankell zwei völlig unterschiedliche Arten, der Welt zu begegnen:
- Stefan: Der Sohn reicher Eltern, der das Reisen als das Abhaken einer Erlebnispflicht versteht. Er sucht den schnellen Kick, die Exotik und will unbedingt das Klischee vom Sex mit einer schwarzen Frau bedienen. Er bleibt ein Tourist im schlimmsten Sinne: oberflächlich und blind für die Realität.
- Elisabeth: Sie stammt aus einfachen Verhältnissen und besitzt die Gabe, hinter die Fassaden zu blicken. Während Stefan sich in seiner privilegierten Rolle sonnt, erkennt sie seine Verlogenheit. Sie hört zu, sie beobachtet und begreift schnell, dass Afrika nicht das „dunkel lockende“ Paradies ist, das sich weiße Reisende in ihren beigen Safari-Anzügen erträumen.
Kolonialismus und die Wahrheit des Augenblicks
Mankell thematisiert bereits hier die hässliche Fratze des Kolonialismus und die ökonomische Ausbeutung, die im aufblühenden Tourismus der 70er-Jahre nahtlos weiterging. Besonders eindringlich wird das an der Figur der 18-jährigen Yene deutlich: Stefan schläft mit ihr und gibt ihr danach gönnerhaft Geld für ein Taxi. Doch Yene geht zu Fuß – mit den Münzen sichert sie das Überleben ihrer gesamten Familie.
Die titelgebende Begegnung mit dem Sandmaler am Strand ist ein philosophisches Highlight des Buches. Es ist ein Moment der Vergänglichkeit, ein Einsprengsel über Werte und Wahrheiten, die nur im Augenblick existieren. Hier zeigt sich bereits der „Schriftsteller Mankell“, der später Millionen bewegen sollte: Die Geschichte ist linear und einfach erzählt, aber sie ist von einer beklemmenden Intensität. Etwa dann, wenn die beiden Protagonisten einen alten Kolonialfriedhof entdecken, auf dem nur weiße Gesichter von vergilbten Fotos starren – ein stilles Monument der Fremdherrschaft.
Die Weichen sind gestellt
Man spürt, dass diesem Roman noch die epische Tiefe späterer Meisterwerke wie Der Chronist der Winde fehlt. Und doch ist es ein Genuss, die Entwicklung des Autors nachzuvollziehen. Der tiefe Respekt vor dem afrikanischen Kontinent und seinen Menschen ist von der ersten Seite an spürbar.
Der junge Fremdenführer Ndou fungiert als Klammer zwischen Elisabeth und Stefan; er führt sie in seine Welt, doch beide reagieren völlig unterschiedlich darauf. Am Ende bleibt die Zukunft offen – für die Charaktere, für Afrika und auch für Mankell selbst. Fest stand nach dieser Reise nur eines: Der Kontinent würde ihn nie wieder loslassen.
Es ist ein großes Glück, dass der Zsolnay-Verlag diesen Roman 2017 doch noch auf Deutsch herausgegeben hat. Er ist ein unverzichtbares Puzzleteil für jeden Mankell-Fan und zeigt uns einen jungen Autor, der bereits genau wusste, wo die Wunden der Welt liegen.
Henning Mankell, Der Sandmaler, deutsch von Verena Reichel, Paul Zsolnay Verlag, Wien 2017. (Original: Sandmålaren, 1974).