Die Spur aus Kohle

Ich finde es schön, dass meine Themen nicht immer von außen gesetzten Terminen folgen. Diesmal war es sogar genau andersherum. In unserer Redaktionskonferenz kam die Frage auf, was es mit dem Begriff „Schwarzer Hucken“ in Bölhorst auf sich hat. So heißt der örtliche Schützenverein, meinte ein Kollege. Die Antwort wusste niemand. Und mich ließ die Frage nicht los.

Vielleicht lag das auch an der Bergbaugeschichte von Meißen, mit der ich mich erst vor wenigen Wochen beschäftigt hatte. Vielleicht aber auch daran, dass mich die Grube seit jeher fasziniert. Nicht als Beruf, eher als eine Art Leidenschaftskrankheit. Die Arbeitswelt unter Tage bleibt den meisten Menschen verborgen. Gerade deshalb regt sie die Fantasie an – nicht erst seit der Romantik, aber dort ganz besonders. Und nein, keine Sorge, ich spreche jetzt nicht über die Bergwerke zu Falun.

In Bölhorst gab es Hinweise: die Gastwirtschaft „Schwarzer Hucken“, die Huckenstraße und Fotos des Abraumhügels gleichen Namens, der um 1950 abgetragen wurde. Die erste Frage war schon mal beantwortet.

Im Gespräch mit der Ortsheimatpflegerin Britta Franke öffnete sich dann nach und nach eine ganze Bergbaugeschichte. Sie führte zurück bis in den Dreißigjährigen Krieg. Als die Schweden auf der Bölhorst eine Schanze anlegten, sollen sie auf Kohlevorkommen gestoßen sein. Sicher ist jedenfalls: Über Jahrhunderte prägte die Kohle das Leben in dem kleinen Ort. Bergleute arbeiteten in Schächten, die bis zu 271 Meter tief waren. Eine Dampfmaschine sollte das Grubenwasser beherrschen. Familien aus dem Harz und aus Sachsen kamen auf die Bölhorst. Und noch heute erinnert das Ortswappen mit seiner Grubenlampe oder — in einer geschnitzten Version — mit Bergmann an diese Zeit.

Besonders bewegte Britta Franke die Erinnerung an eine Glocke, die die Bewohner nach dem Zweiten Weltkrieg gestiftet hatten. Der Bergbau war damals längst Geschichte. Dennoch erinnerten die Menschen auf der neuen Glocke an die alte Knappschaft. „Dass damals der Bergbau noch ein Thema war, rührt mich“, sagte sie. Dieser Satz blieb mir im Gedächtnis.

Später ging ich selbst durchs Dorf. Einige Häuser tragen noch immer Spuren des Bergbaus. Andernorts sind unterirdische Hohlräume eingestürzt. In einer Straße stehen kleine Arbeiterhäuser dicht nebeneinander. Das alte Steigerhaus hebt sich deutlich ab.

Gerade wird es renoviert. Vor dem Gebäude steht eine Mulde. Die Bewohner räumen auf, entsorgen die Hinterlassenschaften vieler Jahrzehnte. Während ich dort stehe, frage ich mich, ob ihnen bewusst ist, auf welchem historischen Boden sie leben.

Die Bölhorster erzählen sich noch heute eine andere Geschichte. Der Teufel habe einst einen gewaltigen Erdklumpen aus dem Ruhrgebiet gerissen, um die Porta zu verschließen und die Menschen an der Weser zu ertränken. Doch die Last wurde ihm zu schwer. Er stolperte, der Batzen blieb auf der Bölhorst liegen. Dass darin Kohle verborgen gewesen sein soll, prägte die Geschichte des Ortes über Jahrhunderte.


Auslöser für diese Spurensuche war ein Zeitungsartikel, den ich fürs Mindener Tageblatt geschrieben habe. Während dort die Geschichte des Bergbaus im Mittelpunkt steht, geht es hier um die Frage, wie man überhaupt auf eine solche Geschichte stößt.

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