Die Chiffre der Wendezeit

Auf einen solchen Roman habe ich lange gewartet: Die rechtschaffenen Mörder von Ingo Schulze ist die Chiffre der Wendezeit. Gehört hatte ich den neuen Schulze bei „Am Morgen vorgelesen“ im NDR; die Lesung von Sylvester Groth und Victoria Trauttmansdorff habe ich mir dann noch einmal „in Ruhe“ gegönnt. Klasse.

Die Frage, wie jemand zum Nazi werden kann, interessiert mich schon lange. Und ich bin immer wieder enttäuscht, wenn Menschen aus meinem Umfeld auf die rechte Spur geraten. Wie kann das sein? Wie kann ein denkender Mensch überhaupt noch solche ausgrenzenden und undemokratischen Gedankenbilder haben? Rechtsextremisten, das sind Leute, die das Anderssein verteufeln. Was macht an Kopftüchern Angst? Warum macht eine andere Sprache Angst? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur: Schlechte Menschen gibt es überall – gute eben auch, völlig unabhängig von Herkunft oder Religion.

Wie also kann gerade ein Büchermensch – eine Spezies, die ich normalerweise großartig finde – zum Nazi werden? Wie besagter Norbert Paulini? Ingo Schulze schreibt: „Im Dresdner Stadtteil Blasewitz lebte einst ein Antiquar, der wegen seiner Bücher, seiner Kenntnisse und seiner geringen Neigung, sich von den Erwartungen seiner Zeit beeindrucken zu lassen, einen unvergleichlichen Ruf genoss.“

Paulini hatte schon als junger Mensch einen ganz klar gesteckten Berufswunsch: „Ich möchte Leser werden.“ Im Antiquariat kann er das. Bei ihm treffen sich die lesenden und schreibenden Intellektuellen der DDR, sein „Salon Paulini“ wird zur Institution. Er will in Bücherwelten leben und sich von den Zumutungen der Epoche nicht beeindrucken lassen. Genau das aber funktioniert nicht – die harte Realität greift durch. Paulini verkraftet die Wende nicht: Weil seine alten Bücher plötzlich nichts mehr wert sind, weil sich der Markt verändert und weil seine Frau ein Stasi-Spitzel war.

Die Radikalisierung beginnt

Irgendwann beginnt die Radikalisierung. Sie tritt nach außen, als er sein Sortiment nur noch auf völkisch-deutschsprachige Literatur verengt. Und in den Konflikten mit der Polizei, die ihn befragt, weil sein Sohn auf rechten Demos gesehen wurde. Paulini will in diese neue Welt nicht passen, schlägt sich als Kassierer im Supermarkt durch und sieht schließlich mit an, wie seine Existenz in der Elbflut 2002 endgültig absäuft.

Dass ein gewisser Schultze (ein im Buch auftretender Schriftsteller, der bewusst mit „t“ geschrieben wird) nun eine Biografie über ihn verfassen will, verbittet sich Paulini im zweiten Teil des Romans. Dabei gehörte dieser Schultze einst zu seinen größten Bewunderern. Doch jetzt hat die Geschichte mehr als nur eine politische Dimension: Zu viele Gefühle sind im Spiel, es geht um eine fatale Dreiecksbeziehung.

All das arbeitet schließlich eine Verlegerin im abschließenden Teil des Romans auf. Aus dieser dritten Perspektive wird Paulinis gebrochene Lebensbilanz komplettiert, und es zeigen sich die wahren, auch ganz wörtlichen Abgründe. Doch ist Paulini am Ende wirklich ein rechtschaffener Mörder? Die Frage beantwortet sich ganz zum Schluss.

Letzte, einfache Antworten gibt es dennoch nicht, auch nicht in Die rechtschaffenen Mörder. Dass keiner zum Nazi geboren ist, ist klar. Aber wer die richtigen Bücher gelesen hat, müsste doch eigentlich wissen, dass Pegida keine Lösung ist. Und man müsste den falschen Büchern von Grund auf misstrauen.

Ingo Schulze, Die rechtschaffenen Mörder, gelesen von Sylvester Groth und Victoria Trauttmansdorff, erschienen im Argon Hörverlag 2020.

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