Nach dem Zitat

Den Götz von Berlichingen habe auch ich durch das bis zur Unsäglichkeit verwendete Zitat kennengelernt, mich danach immerhin für die Fernsehperle mit Raimund Harmstorf interessiert und viele Jahre später endlich für die reine Lektüre des Reclam-Hefts, das ehrlicherweise der höchste Genuss war. Da hat einer offenbar wirklich für die Vorlesung getextet, die Sprache ist so altertümlich gehalten, dass Kostüme fast gar nicht gebraucht werden.

Es scheint, als habe Johann Wolfgang von Goethe auch im Entstehungsprozess die eiserne Hand geschwungen – nach Herders Intervention mindestens einmal.

Erste Quelle war offensichtlich Götz’ 1731 erschienene Lebens-Beschreibung, eine Mischung aus Autobiografie, Rechtfertigung und Abrechnung. Ein erstaunlich nüchterner Text, voller Fehden, Klagen und Bittschriften, in dem weniger heroisiert als protokolliert wird. Goethe liest ihn nicht antiquarisch, sondern auf der Suche nach Reibung. Hinzu kommen Sebastian Francks Chronica von 1531, skeptisch gegenüber Macht und Institutionen, Gerstenbergs Ugolino als ästhetische Ermutigung zum historischen Drama jenseits der Regelpoetik sowie rechtshistorische Schriften, die jene neue Ordnung markieren, gegen die der Ritter anrennt: Landfrieden, Reichskammergericht, Verfahren statt Handschlag.

Schnell, aber kein Schnellschuss

Dass die erste Fassung des Dramas in kaum sechs Wochen entstanden sein soll, passt zu diesem Zugriff. Das ist kein ausgefeilter Bau, sondern ein Sturmangriff auf Form und Konvention. Herder gehört zu den Erstlesern – und mäkelt. Zu roh, zu episodisch, zu sehr Shakespeare. Goethe schreibt daraufhin noch einmal neu. Aber er zähmt den Text nicht, sondern präzisiert ihn. Die zweite Fassung ist geschlossener, ohne ihre Wildheit zu verlieren.

Der Götz selbst ist kein klassischer Held, sondern ein Auslaufmodell. Seine Welt beruht auf persönlicher Loyalität, unmittelbarer Nähe, auf dem gesprochenen Wort. Die neue Ordnung dagegen schreibt, protokolliert, vertagt. Sie ist effizienter, vielleicht auch gerechter, aber unpersönlich. Götz erkennt das – und verweigert sich dennoch. Nicht aus Blindheit, sondern aus Treue zu einem Rechtsverständnis, das ohne Akten auskommt. Er hilft, schlichtet, schwört – und wird verraten. Weislingen passt sich an, Adelheid spielt das Spiel der neuen Zeit konsequent. Am Ende stirbt Götz nicht heroisch, sondern erschöpft, überwacht, seiner Bewegungsfreiheit beraubt. Seine Größe liegt nicht im Sieg, sondern im Widerstand gegen eine Ordnung, die ihn historisch überholt hat.

Ein neues Gesicht.

Viele Jahrzehnte später erhält dieser Ritter ein neues Gesicht. Raimund Harmstorf spielt den Götz 1979 im Fernsehen als körperliche Behauptung: rau, breit, schwer. Diese Verfilmung ist keine philologische Übung, sondern ein Zugriff aus dem Fleisch heraus. Sie feiert das Archaische, den Schmutz, die Erschöpfung – und trifft damit den Nerv ihrer Zeit. Man kann ihr Pathos vorwerfen, aber sie versteht etwas Entscheidendes: Der Götz ist keine Denkfigur, sondern ein Handlungsmensch. Freiheit ist hier kein Ideal, sondern ein Zustand, der Kraft kostet.

Gerade deshalb lohnt heute der Gegenakzent. Nimmt man dem Götz Eisenhand und Kraftspruch, bleibt ein Mann, der keine Sprache mehr für seine Zeit findet. Er kann handeln, aber nicht verhandeln. Er scheitert nicht, weil er schwach ist, sondern weil er zu spät kommt. Goethe urteilt darüber erstaunlich wenig. Das Reichskammergericht wird nicht verteufelt, der Ritter nicht verklärt. Fortschritt geschieht – und hinterlässt Verluste. Der Text hält diesen Verlust fest, ohne ihn aufzulösen.

So gelesen ist der Götz von Berlichingen kein Freiheitsdrama, sondern eine Studie über das Unzeitgemäße. Über Menschen, die spüren, dass ihre Ordnung endet, und dennoch an ihr festhalten. Vielleicht erklärt das, warum das Stück immer wieder verschwindet und zurückkehrt. Es passt nie ganz – weder in Spielpläne noch in politische Gegenwarten. Aber es meldet sich zuverlässig dann zurück, wenn Systeme stabil werden und Menschen sich fremd in ihnen fühlen.

Vielleicht liegt darin auch der späte Genuss dieses schmalen Reclam-Hefts. Nicht im Donnern der berühmten Zeile, sondern in der stillen Erfahrung, einem Text zu begegnen, der widerständig bleibt, selbst gegen seine eigene Berühmtheit. Man liest langsamer als erwartet. Die Sprache schafft ihre Welt selbst, Bühne und Kostüm werden überflüssig. Am Ende bleibt kein Programm, sondern ein Gefühl von Differenz: So war es einmal. So ist es nicht mehr. Und dazwischen eine Figur, die das weiß – und trotzdem nicht weicht.

Man schlägt das Heft zu und merkt: Der Götz ist nicht erledigt. Aber er will auch nicht gerettet werden. Er verlangt nur, gelesen zu werden – aufmerksam, ungeduldig, ohne falsche Ehrfurcht.

Götz von Berlichingen von Johann Wolfgang Goethe, Reclam 1986. Der Erstdruck erschien 1773, die Erstaufführung war am 12. April 1774

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