Wenn Weltpolitik im Vorgarten landet

Henning Mankell hat zwei Szenen geschrieben, die sich fest in meinem Gedächtnis eingebrannt haben. Ich kann das Kopfkino auch über 30 Jahre nach der ersten Lektüre jederzeit starten. Beide Szenen stammen aus Die weiße Löwin, für mich der vielleicht beste Roman der Reihe.

Da ist zum einen diese schockierende Symbolik: der einzelne, schwarze Finger, der nach der Ermordung der Immobilienmaklerin Louise Åkerblom aufgefunden wird. In diesem einen Bild kondensiert Mankell das gesamte Thema des Buches. Es ist ein Fremdkörper im schwedischen Boden, ein grausiges Puzzleteil, das so gar nicht in die Welt von Ystad passen will. Dieser Finger ist der Bote einer fernen, hasserfüllten Welt, die ihre Schatten bis nach Schonen wirft.

Die zweite Szene, die mich nie losgelassen hat, ist die akribische Beschreibung des geplanten Attentats. Mankell wechselt hier das Genre: weg vom klassischen „Whodunnit“, hin zum hochkarätigen Politthriller. Wie er den professionellen Killer und die Vorbereitungen zur Ermordung Nelson Mandelas schildert, ist von einer beklemmenden Präzision. Man spürt beim Lesen förmlich das Ticken der Uhr. Diese Passagen haben eine internationale Wucht, die man einem „Provinzkommissar“ wie Wallander eigentlich gar nicht zugetraut hätte.

Vermisstenfall wird Staatsaffäre

Zwischen diesen beiden Polen entfaltet sich eine Handlung, die beinahe unspektakulär beginnt: Eine junge Immobilienmaklerin und zweifache Mutter verschwindet spurlos nach einer Besichtigung. Kurt Wallander und sein Team tappen zunächst im Dunkeln, bis die Leiche der Frau in einem Brunnen gefunden wird – hingerichtet durch einen präzisen Kopfschuss. Der Fund des erwähnten schwarzen Fingers am Tatort sprengt jedoch jeden gewöhnlichen Ermittlungsrahmen. Die Spur führt zu einer Gruppe ehemaliger KGB-Agenten und südafrikanischer Geheimdienstler, die sich in den einsamen Wäldern Schonens versteckt halten. Was als Suche nach einer Vermissten begann, entpuppt sich als Wettlauf gegen die Zeit, um ein politisches Beben am anderen Ende der Welt zu verhindern.

Wie schon bei der ersten Lektüre hat mich auch diesmal der tiefgreifende historische Kontext fasziniert. Mankell begnügt sich nicht mit der Gegenwart; er unternimmt eine aufschlussreiche Zeitreise zurück ins Jahr 1918. Die Darstellung der geheimen Buren-Bruderschaft und deren Einflussnahme, die sich über Jahrzehnte bis tief in die Siebzigerjahre erstreckt, ist meisterhaft recherchiert. Für mich war dieser Roman damals der Anlass, mich endlich intensiver mit dem Thema Apartheid auseinanderzusetzen. Zu sehen, wie Mankell die fiktive Handlung mit realgeschichtlichen Wurzeln verwebt, macht das Grauen greifbarer. Es ist ein historisch gewachsenes, ideologisch untermauertes System des Hasses.

Unbehagen des kleinen Mannes

In Die weiße Löwin wird Wallander zum Spielball von Mächten, die er kaum greifen kann. Er wirkt oft wie ein Anachronismus – ein Mann, der eigentlich nur Ordnung in sein Privatleben bringen will und sich nach Beständigkeit sehnt (während er versucht, sein neues Haus in Mossby einzurichten), während um ihn herum die Weltgeschichte der 90er-Jahre neu geschrieben wird. Dass Mankell diesen Spagat schafft, ohne dass die Handlung ins Unglaubwürdige abdriftet, zeigt seine ganze Klasse als Autor.

Erneut zeigt sich: Mankell liest man nicht nur wegen der Lösung eines Falls. Man liest ihn wegen dieser Bilder, die bleiben, und wegen der Erkenntnis, dass niemand eine Insel ist – nicht einmal ein Kommissar im tiefsten Südschweden.

Henning Mankell: Die weiße Löwin. Erschienen 1993 in Schweden (Original: Den vita lejoninnan), auf Deutsch 1995 bei dtv, übersetzt von Erik Gloßmann.

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