Ich war beim Blick auf mein Bücherregal neugierig geworden: Funktioniert dieser Krimi auch nach über 30 Jahren noch? Kann ich mich erneut in Wallander vertiefen und in die Welt rund um Ystad abtauchen? Die Antwort lautet dreimal: Ja. Henning Mankell funktioniert immer noch – heute vielleicht sogar noch ein bisschen besser als „historischer“ Krimi; als eine Geschichte aus einer Zeit ohne Smartphone und modernste Forensik.
In Mörder ohne Gesicht thematisiert Mankell das Aufflammen des Rechtsextremismus im Schweden der frühen 90er-Jahre. Es geht um die Unfähigkeit, mit dem „Anderssein“ umzugehen – eine Überforderung, die nicht nur die Gesellschaft, sondern auch den Ermittler selbst erfasst.
Ein Ermittler, wie ich ihn noch nicht kannte
Gute Romane muss man einfach ein zweites Mal lesen. Ich hatte das Buch 2002 gekauft und weiß noch genau, wie „geflasht“ ich damals war. Einen Kommissar wie Kurt Wallander kannte ich bis dahin nicht. Sicher, da waren die „großen Alten“ wie Sherlock Holmes oder Hercule Poirot, die neuen Stars wie Thomas Lynley oder Guido Brunetti – allesamt faszinierende, oft jedoch bewusst überzeichnete Figuren.
Und dann dieser Wallander: Mittvierziger, privat ziemlich am Ende. Die Scheidung von Mona sitzt ihm noch in den Knochen, seine Tochter besucht ihn selten und sein Vater – ein Kunstmaler, der manisch immer das gleiche Landschaftsbild mit oder ohne Auerhahn malt – hält die Berufswahl seines Sohnes für einen Fehler und lässt ihn das bei jeder Gelegenheit spüren.
Zwischen Selbstzweifel und Melancholie
Wallander ist eine so starke Figur, dass der eigentliche Kriminalfall fast in den Hintergrund rücken könnte. Er ist kein klassischer Held, mit dem man sich bedingungslos identifizieren möchte, aber er ist in all seinen Facetten nachfühlbar. Er zweifelt an sich selbst und spielt mehr als einmal mit dem Gedanken, den Dienst zu quittieren, um als Wachmann ein einfacheres Leben zu führen.
Besonders menschlich (und manchmal beschämend nah) ist sein Umgang mit Frauen: Sein unbeholfener Versuch, die Staatsanwältin „rumzukriegen“, lässt einen als Leser peinlich berührt zurück. Und dann ist da dieser verdammte Alkohol – und das Glück, dass er Kollegen hat, die ihn in den richtigen Momenten stoppen und schützen.
Wenn aus Vorurteilen Gewalt wird
Doch bei aller Charakterstudie bleibt die Kriminalhandlung packend: Ein einsam lebendes Bauernpaar wird grausam überfallen. Der Mann stirbt, die Frau kann vor ihrem Tod im Krankenhaus nur noch ein Wort flüstern: „Ausländer“.
Die Presse wittert Morgenluft, ein anonymer Anrufer setzt den Kommissar unter Druck und der aufgeheizte Mob zündet schließlich ein Asylbewerberheim an – ein Somalier stirbt. Wallander selbst ist hin- und hergerissen: Er zweifelt an der Asylpolitik seines Landes, distanziert sich aber klar von den Rechtsextremisten. Er wirkt sensibilisierter denn je, auch wenn ihn das Unbekannte – etwa als er erfährt, dass seine Tochter Linda einen schwarzen Freund hat – zunächst verstört. Gemeinsam mit seinem Mentor Rydberg, einer weiteren großartig gezeichneten Figur, beißt er sich an dem Fall fest. Während der Mord am Asylbewerber schnell aufgeklärt wird, braucht es für das Verbrechen in Lenarp schließlich eine aufmerksame Zeugin und Wallanders unermüdliche Beharrlichkeit.
Mehr als nur ein Krimi
Was mich damals wie heute fasziniert, ist die Nähe zur Hauptfigur. Wenn Wallander sich ein Brot schmiert, ist das bei Mankell nicht banal – es ist ein Stück echtes Leben. Seine Liebe zur Oper ist kein bloßes Hobby, sondern ein notwendiges Gegengewicht zu der Grausamkeit, die ihn im Dienst umgibt.
Mörder ohne Gesicht war 1991 der Auftakt einer Reihe, die das Genre des skandinavischen Krimis nachhaltig geprägt hat. Für mich war es der Beginn einer langen Lesereise, die mich durch alle Wallander-Bände und später auch zu Mankells Afrika-Romanen geführt hat. Ein moderner Klassiker, den man nicht vergessen sollte.
Mörder ohne Gesicht von Henning Mankell, erschienen 1991 bei dtv, aus dem Schwedischen von Barbara Sirges und Paul Berf.