Wie Wallander zu Wallander wurde

Eigentlich hatte ich mit Kurt Wallander bereits abgeschlossen. Nach dem letzten Roman war die Reihe von Henning Mankell für mich beendet, eine jener seltenen Leseerfahrungen, die lange nachwirken. Umso größer war die Überraschung, als ich in einer Buchhandlung Die Pyramide entdeckte. Natürlich kaufte ich das Buch sofort. Und rückblickend war das eine ausgezeichnete Entscheidung.

Denn bevor Kurt Wallander zu dem melancholischen Kommissar aus Ystad wurde, den wir aus den Romanen kennen, war er ein junger Streifenpolizist in Malmö, voller Ideale und mit einer zumindest oberflächlich intakten Familie an seiner Seite. In der titelgebenden Erzählung Wallanders erster Fall zeigt uns Henning Mankell diesen frühen Wallander. Es ist faszinierend zu beobachten, dass seine vielleicht wichtigste Eigenschaft bereits damals vollständig ausgeprägt war: die beinahe störrische Weigerung, sich mit einfachen Antworten zufriedenzugeben.

Der vermeintliche Selbstmord seines Nachbarn Artur Norrman wird für den jungen Polizisten zur Schlüsselerfahrung. Während andere den Fall möglichst schnell abschließen wollen, beginnt Wallander Fragen zu stellen. Er folgt Spuren, die weit über das zunächst Sichtbare hinausführen, und erkennt dabei zum ersten Mal, dass Wahrheit und Gerechtigkeit oft gegen institutionelle Trägheit erkämpft werden müssen. Zugleich begegnet er einer Wirklichkeit, die ihn sein gesamtes Berufsleben begleiten wird: Hinter der geordneten Fassade lauern Abgründe, die sich nicht einfach wegdiskutieren lassen.

Wichtiger als der Fall

Noch wichtiger als der Kriminalfall ist jedoch das, was Mankell über den Menschen Wallander erzählt. Bereits hier werden die Konflikte sichtbar, die später sein Leben bestimmen. Seine Ehe mit Mona steht von Anfang an unter Spannung. Während sie sich nach Verlässlichkeit und einem gemeinsamen Familienleben sehnt, wird Kurt immer stärker von seiner Arbeit vereinnahmt. Die spätere Entfremdung erscheint dadurch nicht als überraschende Entwicklung, sondern als etwas, das von Beginn an angelegt war.

Hinzu kommt das schwierige Verhältnis zu seinem Vater. Das Schweigen zwischen den beiden Männern, die Unfähigkeit, Verletzungen auszusprechen, und die gegenseitige Enttäuschung bilden einen emotionalen Unterstrom, der die gesamte Reihe durchzieht. Mankell legt hier gewissermaßen das Fundament für die Figur, die wir später kennenlernen werden.

Doch Die Pyramide besteht nicht nur aus dieser einen Vorgeschichte. Der Band versammelt insgesamt fünf Erzählungen und begleitet Wallander über mehr als zwanzig Jahre hinweg. Schritt für Schritt erleben wir seinen Weg vom jungen Polizisten zum erfahrenen Ermittler. Die einzelnen Geschichten markieren wichtige Wegpunkte seines Lebens und schließen zugleich die Lücke zwischen seiner Jugend und dem ersten Roman Mörder ohne Gesicht.

Besonders reizvoll ist dabei, dass Mankell die Geschichten nicht als nachträgliche Fan-Service-Erzählungen anlegt. Vielmehr nutzt er sie, um zentrale Motive der Reihe noch einmal zu beleuchten: Einsamkeit, berufliche Besessenheit, moralische Zweifel und die Frage, welchen Preis Menschen für ihre Arbeit zahlen.

Den emotionalen Kern des Bandes bildet für mich jedoch ein Zitat, das Henning Mankell dem Buch vorangestellt hat:

Für Rolf Lassgård in warmer Zuneigung, Dankbarkeit und nicht geringer Bewunderung. Er hat mir vieles über Wallander erzählt, wovon ich selbst nichts wusste.

Dieser Satz ist bemerkenswert. Er zeigt, wie stark die schwedischen Verfilmungen auf die Figur zurückgewirkt haben. Rolf Lassgård war für viele Zuschauer der erste „echte“ Wallander. Mit seiner Mischung aus körperlicher Präsenz, Melancholie, Sturheit und Verletzlichkeit prägte er die Figur nachhaltig. Mankells Widmung deutet an, dass sich Autor und Schauspieler im Laufe der Jahre gegenseitig beeinflusst haben. Die literarische Figur wurde zur Fernsehfigur – und kehrte anschließend verändert in die Literatur zurück.

Gerade deshalb wirkt Die Pyramide wie ein Epilog und ein Prolog zugleich. Der Band erzählt nicht nur davon, wie Wallander wurde, was er ist. Er zeigt auch, weshalb diese Figur über Jahrzehnte hinweg so viele Leserinnen und Leser begleiten konnte. Nach der Lektüre versteht man Kurt Wallander besser. Und man verabschiedet sich nur ungern erneut von ihm.

Henning Mankells Erzählband erschien 1999 im schwedischen Original unter dem Titel Pyramiden. Die deutsche Übersetzung von Wolfgang Butt wurde im Jahr 2000 im Paul Zsolnay Verlag veröffentlicht. Der Band enthält fünf Erzählungen, darunter die Vorgeschichte Wallanders erster Fall“ und schließt die biografischen Lücken zwischen Wallanders Jugendjahren und dem Auftaktroman Mörder ohne Gesicht.

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