Ich müsste schon meinen Kopf resetten, wenn ich diesen Wunsch erfüllt bekäme: Henning Mankells Mittsommermord gehört zu den Romanen, die ich gerne noch einmal „zum ersten Mal“ lesen würde. Dabei hilft mir nicht einmal dieZzeit, denn im Buch selbst hatte ich damals ein Datum notiert: Das erste Mal war im August 2002 und das Leserlebnis so intensiv, dass ich mich noch heute – 24 Jahre später – an nahezu alles erinnere. Ich lese das Buch wie einen alten Bekannten. Aber auch das ist ein Genuss. Immerhin.
Der siebte Band der Reihe ist für mich einer dieser Romane, bei denen sich das Lesegefühl im Nachhinein fast stärker eingeprägt hat als die Handlung selbst. Ich konnte damals nicht genug bekommen und habe ihn in zwei oder drei Tagen durchgelesen – für mich ungewöhnlich schnell, denn eigentlich lese ich, um Muße zu finden, um der alltäglichen Hektik zu entfliehen. Aber diesmal ging es nicht anders. Es war dieser Riss in der an sich normalen Welt, der mich so gepackt hat. Mankell schreibt keine Kriminalromane, die man flüchtig konsumieren kann; und doch erzeugt er hier einen Sog, dem man sich nicht entziehen kann. Seine Sprache ist so präzise und atmosphärisch dicht, dass die Bilder, die er im Kopf entstehen lässt, eine irreversible Haltbarkeit besitzen.
Das Auge im Dickicht
Mankell macht hier etwas Gemeines, im besten Sinne: Er legt das Grauen mitten in die hellste Zeit des Jahres. Mittsommer in Schweden – das steht für Licht, Weite und eine fast selbstverständliche Naturidylle. Und genau in diese Kulisse setzt er das Verschwinden und die brutale Ermordung dreier Jugendlicher, die eigentlich nur in historischen Kostümen im Wald den Sommer feiern wollten. Schon diese Spannung zwischen Bild und Ereignis trägt den Roman.
Doch er lässt uns diese Szenerie nicht unbeschwert genießen, sondern zwingt uns eine zweite, zutiefst verstörende Perspektive auf: die des Täters. Er steht im Schatten, er beobachtet nicht nur, er weiß. Er kennt ihre Namen, ihre Gewohnheiten, ihre intimsten Geheimnisse. Diese Asymmetrie des Wissens macht das Leseerlebnis so intensiv und beklemmend. Was mich besonders getroffen hat, war diese schleichende Verschiebung der Stimmung. Der Sommer bleibt zwar Sommer, aber er verliert seine Unschuld. Da ist plötzlich etwas Fremdes in der Luft, das nicht ins Bild passt. Mankell lässt spürbar werden, dass das vermeintlich stabile Schweden tiefe Risse hat. Es geht nicht nur um einen Täter, sondern um den kollektiven Verlust von Vertrauen.
Der Fall Svedberg
Als dann auch noch ein geschätzter Kollege aus Wallanders Team – der langjährige, unauffällige Svedberg – brutal in seiner eigenen Wohnung hingerichtet wird, bekommt der Fall eine bedrückende, fast lähmende Nähe. Ab diesem Moment wandelt sich die Dynamik der Erzählung komplett:
- Der doppelte Boden: Wallander jagt nicht mehr nur einen Mörder, er jagt die Identität seines eigenen Freundes. Svedbergs Wohnung entpuppt sich als ein Archiv der Geheimnisse. Er hatte ein ganzes Leben, von dem niemand etwas wusste.
- Die schmerzhafte Erkenntnis: Die bitterste Pille, die Wallander schlucken muss, ist die eigene Ignoranz. Mankell seziert hier meisterhaft das Gefühl der modernen Entfremdung. Man sitzt jahrelang Schreibtisch an Schreibtisch, teilt den schlechten Polizeikaffee und das tägliche Elend – und blickt am Ende doch in den absoluten Abgrund eines Fremden.
Abschied und Anker
Wallander wirkt hier erfahrener als in den frühen Bänden, aber er ist deutlich erschöpft, körperlich wie innerlich. Er ist kein Held, sondern ein Ermittler, der sich durch eine Dunkelheit arbeitet, die selbst die Mitternachtssonne nicht aufhellt. Genau das macht ihn so nahbar: Er arbeitet, zweifelt, beißt sich fest und ist sich doch wie ein alter Bekannter nie sicher, ob er auf dem richtigen Weg ist.
Zu seiner körperlichen Hinfälligkeit – in diesem Band schlägt auch die Diagnose Diabetes unbarmherzig zu – gesellt sich eine tiefe, schwermütige Trauer. Es ist der erste Band nach dem Tod seines Vaters. Der Mann, an dessen Starrsinn und ewigen Auerhahn-Gemälden sich Kurt ein Leben lang aufgerieben hat, ist nicht mehr da. Mit ihm ist das letzte Stück der alten, vertrauten Welt unwiederbringlich weggesunken.
Doch Mankell lässt ihn nicht vollends isoliert zurück. Als Gegenpol zur sterbenden Vergangenheit baut er das Verhältnis zu Tochter Linda aus. Die Annäherung an sie, die schließlich darin gipfelt, dass sie am Ende des Romans bei ihm einzieht, wird zu Kurts eigentlichem Rettungsanker. Wo Svedbergs Einsamkeit tödlich endete, bricht Linda Wallanders Isolation auf. Sie ist die zaghafte Brücke in eine Zukunft, die er allein kaum noch bewältigen könnte.
Der Svedberg-Effekt
Der Tod von Svedberg ist im Grunde die radikalste Übertragung des Romans auf unser eigenes, reales Alltagsleben. Mankell hält uns hier einen unbarmherzigen Spiegel vor. Was weiß ich eigentlich von den Menschen, die täglich meinen Weg kreuzen? Mit denen ich den Arbeitsplatz teile, im Bus sitze oder die im selben Haus wohnen? Und umgekehrt: Was wissen sie von mir – und was wollen sie überhaupt wissen?
Wir bewegen uns allzu oft in einer filterblasenartigen Gewissheit, die Menschen um uns herum zu kennen, nur weil wir ihre alltäglichen Routinen teilen. Mankell demontiert diese Illusion komplett. Er zeigt, dass hinter der Fassade des unauffälligen Kollegen ganze Universen aus Einsamkeit, verheimlichten Leidenschaften oder stillen Tragödien existieren können. Das macht Mittsommermord so ungemütlich: Es entlässt uns mit dem beklemmenden Gefühl, dass wir alle von Fremden umgeben sind.
Ein Sommer, der langsam auskühlt
Wenn ich heute an den Roman denke, dann weniger als an einen klassischen Krimi, sondern als an einen Moment, in dem die gesamte Reihe eine neue, unumkehrbare emotionale Schwere bekommt. Das Verlieren in einer fremden Welt, die man eigentlich in- und auswendig zu kennen glaubte – das kennen wir letztlich alle. Wallander ist unser Stellvertreter im Angesicht des Unbegreiflichen.
Mittsommermord wirkt im Rückblick wie ein Sommer, der nicht warm bleibt – einer, der langsam auskühlt, obwohl die Sonne noch scheint. Ein literarischer Jahrestag im eigenen Bücherregal, der auch nach 24 Jahren nichts von seiner Kraft verloren hat.
Henning Mankell, Mittsommermord, übersetzt von Erik Glossmann, Original Steget efter, Zsolnay 2000