Ein Blick hinter die Mythen

Die Germanen interessieren mich quasi seit Urzeiten. Als ganz junger Mensch habe ich selbstverständlich den fast schon legendären Was ist was-Band von Hans Reichhardt verschlungen. Irgendwie war mir das mit vielen Zeichnungen bebilderte Buch später abhandengekommen, mir fiel es vor kurzem wieder in die Hände. Nach der ersten Wiederlektüre war schnell klar: immer noch nett zu lesen, aber „aus der Zeit gefallen“.

Aus der Zeit gefallen: Germanen-Betrachtungen in den Siebzigerjahren.

Die Megalithbauern, so schreibt es Reichhardt, waren wahrscheinlich selbstbewusst und stolz. Und wörtlich:

„Auf kräftigen Körpern, breiten Schultern und starken Hälsen saßen breitflächige, fast viereckige Gesichter. In Westfalen hat sich der Typ der Megalithbauern fast unverfälscht erhalten.“

Mit Verlaub, Herr Reichhardt: Das ist Schwachsinn. Ich neige allerdings dazu, diese Passage (und andere) zu verzeihen – der Band erschien 1978.

Viel besser gefällt mir da schon Karl Banghards Die wahre Geschichte der Germanen, die 2025 bei Propyläen erschienen ist – in heutiger Sprache, rasant erzählt und tatsächlich ein bisschen wie ein Roadmovie.

Den Titel verstehe ich als Ironie. Denn Banghard, Prähistoriker und Direktor des Freilichtmuseums Oerlinghausen, hat – sicher anders als Reichhardt – überhaupt nicht den Anspruch, die letzte Wahrheit zu verkünden. Die Vergangenheit, schreibt er, „kümmert sich wenig um Wahrheit – sie ist aufstachelnd, verstörend und in allen Dingen so unerledigt wie unsere eigene Gegenwart“.

Banghard zeigt detailliert, wie die Germanen lebten: ihre Siedlungen, Häuser, Landwirtschaft und ihr Handwerk. Männer und Frauen hatten klare Rollen, doch das Leben war weit weniger hierarchisch, als man erwarten könnte. Macht und Ehre spielten eine Rolle, aber nicht als heroische Ideale – sondern spürbar im Alltag, durch Streitigkeiten, Gerichtsrituale und Entscheidungen der Gemeinschaft.

Besonders spannend ist sein Aufräumen mit Mythen. Viele Vorstellungen über die Germanen sind verzerrt durch literarische Überhöhung oder völkische Ideologie. Archäologische Funde und Quellenstudien zeigen dagegen ein differenziertes Bild: Menschen, die sich an ihre Umgebung anpassten, Landwirtschaft betrieben, Rituale pflegten und in enger Beziehung zur Natur lebten.

Banghard erinnert daran, dass wir die Germanen lange durch römische Augen sahen – vor allem durch Tacitus. „Fast alle gravierenden Erkenntnisse zu den Germanen sind archäologische Erkenntnisse“, schreibt Banghard.

Was mich beeindruckt hat: Er zeigt die Germanen als eigenständige Kultur, nicht als Vorläufer der Moderne. Sie hatten eigene Werte, Konflikte und Vorstellungen von Verantwortung. Dabei gelingt es ihm, wissenschaftliche Erkenntnisse lebendig zu vermitteln – ohne jemals trocken zu werden.

Auf Zeichnungen wie früher bei Was ist was verzichtet das Buch übrigens. Dafür enthält es einen umfangreichen Fotoblock mit exzellenten Bildern, die germanische Lebenswelten im Licht aktueller Forschung zeigen.

Mein Fazit: Die wahre Geschichte der Germanen ist ein kluges, unterhaltsames Buch, das nicht mit Pathos glänzt, sondern mit Haltung. Es erzählt weniger von Heldentaten – und mehr von Menschen, die einfach überleben wollten.

Karl Banghard: Die wahre Geschichte der Germanen, Propyläen Verlag 2025


Karl Banghard, Jahrgang 1965, ist Prähistoriker, Archäologe und Direktor des LWL-Freilichtmuseums Oerlinghausen. Seine Arbeit verbindet Wissenschaft und Vermittlung – er versteht Archäologie nicht als staubiges Sammeln von Scherben, sondern als lebendiges Erzählen über das Menschsein. Banghard schreibt ebenso klar wie pointiert: Er räumt mit Mythen auf, ohne den Zauber der Geschichte zu zerstören. Die wahre Geschichte der Germanen ist sein bislang persönlichstes Buch – und vielleicht das unterhaltsamste, das es über die Frühgeschichte Mitteleuropas derzeit gibt.

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