Der Wert des Wartens

Smartphone in Position gebracht, fotografiert, kurz kontrolliert – und vergessen. Dauerhaft bleibt da oft nichts. Tiefe auch nicht. Natürlich könnte ich genauso fotografieren wie alle anderen. Auch weniger hektisch. Kontrolliert ja keiner. Und trotzdem zieht es mich immer wieder zurück zu meiner alten Kamera und zum Film.

Die Antwort darauf habe ich irgendwann beim Modellbau gefunden. Wer schon einmal eine Flugzeugminiatur gebaut hat, weiß: Man bastelt nicht nur für das fertige Modell im Regal. Der eigentliche Wert liegt im Weg dorthin. Jedes winzige Bauteil, das entgratet, geklebt und lackiert wird, verändert den Blick auf das fertige Werk. Es entsteht eine Beziehung zu dem, was man am Ende in den Händen hält.

Genauso empfinde ich inzwischen wieder das Fotografieren auf Film.

Meine Reise in diese Welt begann denkbar einfach, lange vor professioneller Technik. Meine erste Kamera war eine Porst Pocketpack EB. Pocketfilm einlegen, durch den winzigen Sucher schauen, kaum Einstellmöglichkeiten. Ich drückte ab – und wartete danach tagelang gespannt auf die Bilder aus dem Labor. Viele Aufnahmen waren verwackelt, manche unterbelichtet. Aber für mich war damals jedes dieser Fotos ein kleines Wunder. Es war der erste Kontakt mit einem Prozess, der Zeit braucht.

Über die Jahrzehnte sind viele Kameras durch meine Hände gegangen. Manche waren treue Alltagsbegleiter, andere technische Spezialisten. Einige nutze ich bis heute mit großer Freude. Ein Modell ragt allerdings besonders heraus, weil es mich fotografisch wohl am stärksten geprägt hat: die Pentax ME Super. Sie war eigentlich immer da. Schon in den Neunzigerjahren nutzte ich sie als Erbstück meines Vaters. Später, als die digitale Fotografie alles dominierte, lagerte sie sicher in ihrer Originalverpackung. Aber ganz verschwunden war sie nie. Immer wieder habe ich sie hervorgeholt.

Bis heute fasziniert mich ihre kompakte Form – und dieses besondere mechanische Klicken beim Auslösen. Ein Geräusch, das man nicht nur hört, sondern beinahe spürt. Aber darüber erzähle ich ein anderes Mal mehr.

Zum „analogen Weg“ gehörte für mich lange auch die eigene Entwicklung der Filme. In meinem Reporterberuf verbrachte ich zahllose Stunden in der Dunkelkammer – zwischen dem oft mühsamen Aufspulen der Filme im absoluten Dunkeln, dem Geruch der Chemikalien und dem schwachen roten Sicherheitslicht.

Im Kollegenkreis war diese Arbeit nicht immer beliebt. Unter dem Druck der Redaktionsschlüsse wurde die Dunkelkammer oft zum Stressraum. Ein kleiner Fehler – und die mühsam fotografierten Artikelbilder waren „über den Jordan“. Das war extrem ärgerlich. Und ja: Auch mir ist das passiert.

Nicht mehr ganz so authentisch

Ganz so authentisch bin ich heute allerdings nicht mehr. Die Labore in den Redaktionen sind – zumindest in meiner Welt – längst verschwunden und durch leistungsfähige Bildbearbeitungsprogramme ersetzt worden. Auch zu Hause fristen die alten Entwicklerdosen inzwischen ein eher stilles Dasein.

Stattdessen bringe ich meine Filme heute ganz unspektakulär zur Drogerie. Und damit ist etwas zurückgekehrt, das ich fast vergessen hatte: die Spannung des Wartens. Ein paar Tage vergehen, manchmal gefühlt zu viele, bis die Bilder endlich da sind. Dass die Ergebnisse nicht immer perfekt ausfallen, gehört für mich inzwischen einfach dazu.

Gerade dieser Verzicht auf digitale Sofortigkeit verändert meinen Blick. Ich lerne wieder, das Licht zu „lesen“ und mir ein Bild vorzustellen, bevor es überhaupt existiert. Ich knipse nicht mehr nur – ich gestalte bewusster.

Und so ist das fertige Foto am Ende mehr als nur eine Datei. Es ist – genau wie ein fertig gebautes Flugzeugmodell – das Ergebnis eines Weges, der Geduld, Aufmerksamkeit und Hingabe verlangt hat. Vielleicht betrachte ich manche Bilder deshalb heute wieder so gerne: weil ich weiß, wie viel Weg in ihnen steckt.

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