Beim Durchblättern alter Fotoalben der Familie fiel es auf: Der kleine Oliver hatte auf fast jedem Bild eine Kamera dabei. Lässig in der Hand, sicher in einer kleinen Fototasche verstaut – samt Namenszug, man wollte das gute Stück ja nicht verlieren. Die Bilder, die ich damals mit der Porst Pocketpak EB geknipst habe, existieren auch ein halbes Jahrhundert später noch. Leicht verfärbt vom Zahn der Zeit, sicher keine Kunstwerke – aber Erinnerungen, die geblieben sind.
Und jetzt das Beste: Die Kamera habe ich auch noch. Wer heute damit fotografieren möchte, findet sie für wenig Geld auf den einschlägigen Gebraucht-Portalen. Die Pocket-Kameras von Porst sind heute eine günstige Einstiegsdroge in die 110er-Fotografie.
Während Kameras wie die Pentax Auto 110 oder die Rollei A110 teuer gehandelt werden, bekommt man die Porst-Modelle oft für ein paar Euro – übrigens auch auf Flohmärkten. Und Filme sind auch wieder zu haben: Der Dank an die Firma Lomography geht raus. Vielleicht schlummert auf irgendwelchen Dachböden oder in Kellern noch die eine oder andere Pocketpak-Kamera. Schaut mal nach!

Um zu verstehen, warum Modelle dieser Reihe in fast jedem Haushalt zu finden waren, muss man einen Blick auf das Unternehmen dahinter werfen. Photo Porst, 1919 von Hannsheinz Porst in Nürnberg gegründet, war über Jahrzehnte das größte Fotoversandhaus der Welt.
Porst war kein klassischer Kamerahersteller wie Leica oder Nikon, sondern ein genialer Vermarkter. Unter dem Namen „Porst“ wurden Kameras bei Herstellern weltweit eingekauft – ob in Japan, den USA oder der DDR – und mit dem eigenen Logo versehen. Das Ziel laut Unternehmensphilosophie: Fotografie für alle.
Wer den dicken „Porst-Katalog“ im Briefkasten hatte, konnte sich die Welt der Fotografie bequem auf Raten nach Hause bestellen. Die Pocketpak EB, die etwa zwischen 1975 und 1978 vertrieben wurde, war das perfekte Beispiel für dieses Konzept: erschwingliche Technik für die Massen.
Ich hatte es auchbequem: In meiner Heimatstadt Vlotho gab es damals nämlich ein Porst-Fotogeschäft, das ich mit meinem Vater – ebenfalls ein Foto-Enthusiast – schon deshalb gerne besucht habe, da wir hier die belichteten Filme abgaben, die dann auf dem Postweg nach Hause geschickt wurden. Die Bilder hatten runde Ecken als Alleinstellungsmerkmal und auf der Rückseite bereits einen Abzieh-Aufkleber, um sie direkt ins Fotoalbum einzupflegen.
Aus dem Vlothoer Laden kam damals auch meine Pocketpak EB.
Was steckt drin in der kleinen Box?
Wer die kleine Kamera heute in die Hand nimmt, versteht sofort, wie funktional das Design der 70er Jahre gedacht war. Das „EB“ steht für Elektronik-Blitz – eine kleine Revolution. Während man bei anderen Pocket-Kameras noch mit Einweg-Blitzwürfeln hantieren musste, war hier der Blitz fest verbaut. Zwei kleine Batterien im Fach genügten, und man war bereit für die nächsten Motive: bei mir die schöne Wohnzimmertapete mit Riesenmuster, der Blumenschmuck auf dem Wohnzimmertisch oder meine beiden Freunde, mit denen ich Geburtstag gefeiert habe.

Technisch gesehen ist der Fotoapparat ein Kind der 110er-Ära:
Das 110er-Format: 1972 von Kodak eingeführt, sollte es Fotografie „hosentaschentauglich“ machen. Die Filme liegen in einer geschlossenen Plastikkassette, was das Einlegen kinderleicht macht – kein mühsames Einfädeln nötig.
Objektiv: Ein robustes Fixfokus-Objektiv. Ab etwa 1,5 Metern Entfernung wird einfach alles scharf eingefangen.
Belichtung: Eine eingebaute Automatik übernimmt das Denken. Ein kleiner Sensor misst das Licht und steuert den elektronischen Verschluss. Eine echte Point-and-Shoot-Kamera.
Von puristisch bis komfortabel
Die EB war das Herzstück, aber Porst bot für jeden die richtige Variante. Die Pocketpak 1000 war das mechanische Einsteigermodell ohne Batteriebedarf (aber angewiesen auf Blitzwürfel). Wer es etwas eleganter mochte, griff zur Pocketpak 2001 mit ihrem sanften Sensorauslöser. Die EB bleibt der Preis-Leistungs-Sieger für alle, die unkompliziert auch bei schlechtem Licht fotografieren wollen.
Filme und Entwicklung
Dass wir diese Kameras heute wieder nutzen können, verdanken wir Lomography. Sie haben das Format gerettet und bieten heute eine Auswahl, die fast größer ist als damals:
Farbfilme: Der „Tiger“ (ISO 200) ist der ideale Allrounder.
Schwarz-Weiß: Der „Orca“ (ISO 100) sorgt für den klassischen Retro-Look mit markantem Korn.
Effektfilme: Filme wie der „Lobster Redscale“ tauchen die Welt in surreale Rot- und Orangetöne.
Drei Tipps für dein persönliches Revival
Der Batterie-Check: Schau unbedingt ins Batteriefach. Wenn dort kein Grünspan von alten Batterien zu sehen ist, funktioniert die Elektronik meist noch tadellos.
Licht braucht das Land: Die Negative sind winzig (13 × 17 mm). Draußen bei Sonne blüht die Kamera richtig auf und liefert die besten Ergebnisse.
Die Entwicklung: Du kannst die Filme in Drogerien wie dm oder Rossmann abgeben. Ganz ehrlich: Mir reicht das. Fachlabore wie MeinFilmLab oder Silbersalz35 holen allerdings deutlich mehr Details aus den kleinen Negativen heraus.
Vielleicht ist es Zeit, die alte Tasche mit dem Namenszug wieder hervorzuholen. Die Porst Pocketpak EB wartet nur darauf, nach einem halben Jahrhundert wieder dieses spezielle „Klick“ hören zu lassen.