Der Mann, der die Zauberwelt entzauberte

Dass er ein Österreicher ist, hatte mein liebster Germanistikprofessor plakativ auf seiner Sprechzimmertür dokumentiert. Durch ihn wurde ich – vermutlich schon im ersten Semester – auf Johann Nepomuk Nestroy aufmerksam, den „wienerischen Shakespeare“. Dass ich mein Studium Jahre später mit Nestroy abschließen sollte, ahnte ich damals noch nicht. Das Wiener Vorstadttheater, dessen prägende Gestalten neben Nestroy Ferdinand Raimund und der Theaterdirektor Carl Carl waren, hat mich seitdem nicht mehr losgelassen. Wer war dieser Mann, den der Wiener Kritiker Karl Kraus später als den größten deutschen Satiriker würdigen sollte?

Johann Nepomuk Nestroy wird am 7. Dezember 1801 in Wien als Sohn einer angesehenen bürgerlichen Familie geboren. Sein Vater ist Hof- und Gerichtsadvokat, und so scheint der Lebensweg des jungen Johann zunächst vorgezeichnet. Er beginnt ein Jurastudium, doch die Anziehungskraft der Bühne erweist sich als stärker. Nestroy verfügt über eine bemerkenswerte Bassstimme und debütiert 1822 als Opernsänger am Wiener Kärntnertortheater – bezeichnenderweise als Sarastro in Mozarts Zauberflöte.

Es folgen Wanderjahre, die ihn von der Oper zum Schauspiel führen. Über Stationen in Amsterdam, Brünn und Graz schärft er sein Profil als Charakterkomiker und beginnt zugleich, eigene Stücke zu schreiben. Er lernt das Theaterhandwerk von Grund auf kennen, erlebt die Härten des Bühnenalltags und macht früh Bekanntschaft mit den Mechanismen der Zensur.

So bewegt sich sein Bühnenleben zwischen Erfolg und Unsicherheit, und auch privat geht Nestroy ungewöhnliche Wege. Seine 1823 geschlossene Ehe mit Wilhelmine Nespiesni bricht rasch auseinander. Da eine Scheidung im katholischen Österreich praktisch ausgeschlossen ist, bleibt die Verbindung formal bestehen. Seine eigentliche Lebensgefährtin findet Nestroy jedoch in der Schauspielerin Marie Weiler. Sie wird Mutter seiner Kinder, engste Vertraute und wichtige Organisatorin vieler geschäftlicher Angelegenheiten. Ohne ihre Unterstützung wäre Nestroys Karriere vermutlich deutlich schwieriger verlaufen.

Der entscheidende Wendepunkt

Der entscheidende Wendepunkt folgt 1831. Nestroy kehrt nach Wien zurück und wird von Carl Carl an dessen Theater engagiert. Unter dessen Leitung entwickelt er sich rasch zum unbestrittenen Star des Wiener Vorstadttheaters.

Bereits 1828 hatte er mit Der Zettelträger Papp auf sich aufmerksam gemacht. Der eigentliche Durchbruch gelingt jedoch in den frühen 1830er Jahren. Mit Der böse Geist Lumpacivagabundus oder Das liederliche Kleeblatt (1833) schafft er eines der bedeutendsten Werke des Genres. Äußerlich bedient sich das Stück noch der Formen des klassischen Zauberspiels: Die Feenwelt entscheidet über das Schicksal dreier Handwerksgesellen. Doch Nestroy unterläuft die vertrauten Muster. Statt moralischer Läuterung rückt die Realität des Alltags in den Mittelpunkt. Das Publikum ist begeistert, und Nestroys Ruhm ist endgültig begründet.

Zu den Glanzstücken seines Schaffens zählt auch Das Mädel aus der Vorstadt (1841). In dieser Posse mit Gesang verbindet er eine turbulente Intrigenhandlung mit einer scharfen Beobachtung gesellschaftlicher Verhältnisse und entlarvt dabei die Doppelmoral des Bürgertums. Seine Rolle als Handlungsgehilfe Schnuferl wird zu einer seiner bekanntesten Bühnenfiguren. Bereits ein Jahr später folgt Einen Jux will er sich machen (1842), ein Stück, dessen Stoff über Thornton Wilder schließlich sogar den Weg zum Broadway-Musical Hello, Dolly! finden sollte.

Auf die Bühne – aber los!

Dass Der Talisman (1840) für mich einen besonderen Platz einnimmt, hat allerdings nicht nur literaturwissenschaftliche Gründe. Ausgerechnet mit jenem österreichischen Professor, der mich einst auf Nestroys Spur gebracht hatte, stand ich Jahre später selbst in einer Theatergruppe auf der Bühne. Wer einmal die scharfzüngigen Dialoge des rothaarigen Titus Feuerfuchs gesprochen oder inszeniert hat, versteht die existenzielle Dimension von Nestroys Humor. Es geht um Vorurteile, Rollenbilder und die Fähigkeit des Menschen, sich einer Gesellschaft anzupassen, die allzu oft auf Äußerlichkeiten fixiert ist.

Gerade hier zeigt sich der deutliche Unterschied zu Ferdinand Raimund. Während Raimund in seinen Zauberstücken noch an die Möglichkeit moralischer Läuterung und an die Kraft des Wunderbaren glaubt, nutzt Nestroy die Magie meist nur als Folie. In Werken wie Lumpacivagabundus oder Die Verbannung aus dem Zauberreiche tritt hinter den fantastischen Elementen stets die nüchterne Wirklichkeit hervor. Bei Nestroy rettet uns kein guter Geist – wir müssen mit unserer Unvollkommenheit selbst zurechtkommen.

Seine größte Stärke bleibt jedoch die Sprache. Nestroy verwendet den Wiener Dialekt nicht bloß als Lokalkolorit, sondern als Instrument der Erkenntnis. Mit Wortspielen, Verdrehungen und scheinbar beiläufigen Pointen zerlegt er die Fassaden des Bürgertums und legt die Widersprüche menschlichen Handelns offen. Besonders in seinen Couplets übt er oft bissige Zeitkritik und gerät damit immer wieder in Konflikt mit der Zensur des Metternich-Systems.

Wie treffsicher Nestroy menschliche Schwächen auf den Punkt bringen konnte, zeigt ein Satz aus Freiheit in Krähwinkel:

Fortschrittlich will jeder sein; aber mit dem Fortschritt einhergehen, das ist eine andere Sach‘.

Kaum ein Bonmot macht deutlicher, warum Nestroys Komik bis heute funktioniert: Seine Pointen zielen nicht auf die Mode seiner Zeit, sondern auf Konstanten menschlichen Verhaltens.

Nach dem Tod Carl Carls wird Nestroy 1854 Direktor des Carltheaters. Einige Jahre später zieht er sich zunehmend aus dem anstrengenden Wiener Theaterbetrieb zurück und verbringt viel Zeit in Graz. Dort stirbt er am 25. Mai 1862. Seine letzte Ruhe findet er in einem Ehrengrab auf dem Wiener Zentralfriedhof.

Die Rezeptionsgeschichte Nestroys gleicht einer späten Gerechtigkeit. Lange Zeit galt er vielen lediglich als Verfasser populärer Unterhaltung. Erst um 1900 begann eine Neubewertung, an der Karl Kraus entscheidenden Anteil hatte. Er erkannte in Nestroy nicht nur einen Komödiendichter, sondern einen Sprachkünstler und scharfsinnigen Beobachter seiner Zeit. Heute gehört Nestroy selbstverständlich zum literarischen Kanon des deutschen Sprachraums.

Wie lebendig sein Werk geblieben ist, zeigen nicht zuletzt die 1973 gegründeten Nestroy-Spiele Schwechat. Vor der historischen Kulisse des Schlosshofes Rothmühle wird Jahr für Jahr deutlich, dass Nestroys Stücke keine Museumsobjekte sind. Ihre satirische Schärfe, ihre Sprachgewalt und ihr tiefer Humanismus haben bis heute nichts von ihrer Wirkung verloren. Das Vorstadttheater lebt weiter – und mit ihm der „wienerische Shakespeare“.

Für mich schloss sich damit ein ganz persönlicher Kreis. Jahre nach jener ersten Begegnung im Studium widmete ich meine wissenschaftliche Abschlussarbeit schließlich Johann Nestroy und seinem Verhältnis zu den Werken Ferdinand Raimunds. Der Zauber und der scharfe Witz der Wiener Vorstadt haben mich eben nie ganz losgelassen.

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