Von Leseprojekten spreche ich meist im Zusammenhang mit einem einzigen Buch. Thomas Manns Zauberberg war für mich so eines: Ich habe ein paar Kapitel gelesen, das Buch beiseitegelegt, mich anderen Texten gewidmet – nicht, weil mich Hans Castorps Geschichte langweilte, sondern weil ich manchmal Abstand brauchte. Ähnlich ging es mir mit Berlin Alexanderplatz von Alfred Döblin, das mich über Jahre beschäftigte. Ich war fest davon überzeugt, dass auch November 1918 ein solches Kaliber sein würde. Doch ich habe mich getäuscht.
Manchmal passt die Ruhe eines Urlaubs perfekt, um sich intensiv einem Werk zu widmen – und dann liest man einen Roman in wenigen Tagen. So geschah es mit November 1918, dem Abschlusswerk seines großen Revolutions-Epos: eine Art Diagnose der Novemberrevolution mit den wichtigsten Protagonisten. Eine deutsche Revolution, Untertitel: Karl und Rosa.
Figuren, die wir aus Geschichtsbüchern kennen, werden plötzlich wieder zu Menschen. Rosa Luxemburg wird nicht auf ihr politisches Wirken reduziert, sondern in vielen Facetten des Menschseins gezeigt – inklusive ihrer Liebe zu Hannes, der ihr im Gefängnis als Geist erscheint. Döblin greift hier eine tiefe biografische Wahrheit auf: Die reale Rosa Luxemburg war eine hochsensible Intellektuelle, die während ihrer jahrelangen Haftstrafen im Ersten Weltkrieg – unter anderem in Wronke und Breslau – Trost in der Natur, in glühenden Briefen an ihre Liebsten und in der Literatur suchte. Ihr scharfer politischer Verstand war im Gefängnis zur Untätigkeit verdammt, was Raum für eine intensive, fast schmerzhafte Innenwelt schuf. Denn was ist schon Sterben? Alles ist hier unwirklich, halluzinativ; Hannes ist „zauberhaft“, doch wo steckt er? „Sie sträubte sich nicht mehr“, schreibt Döblin – sie lässt die Konstruktion ihrer eigenen Welt zu. Hannes hilft ihr dabei, und der Körper, der sie umgibt, wird nebensächlich.
Und dann flattern die Schmetterlinge
Und dann flattern zwei Schmetterlinge herein, wie Döblin formuliert: Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht „spielten um den stumpfen, schweren Block, der Ebert hieß, und stießen gegen die Helmspitze des Großen Generalstabs.“ Zwei radikale Vordenker, die unterschiedlicher kaum sein könnten und doch tragisch vereint blieben: Liebknecht, der charismatische, oft impulsiv voranstürmende Rechtsanwalt, der als einziger SPD-Abgeordneter im Reichstag mutig gegen die Kriegskredite gestimmt hatte; und Luxemburg, die brillante, eher strategisch-analytische Theoretikerin, die den bewaffneten Aufstand der Spartakisten im Januar 1919 anfangs sogar für verfrüht hielt. Doch sie „hatten die Schlacht schon verloren, bevor sie anfingen.“ Die vertriebenen Dynastien hatten sich längst auf ihren Sturz vorbereitet. Am 15. Januar 1919 endete ihr Weg brutal in den Fängen der Garde-Kavallerie-Schützen-Division im Berliner Hotel Eden – ein Doppelmord, der die junge Republik von Geburt an spaltete.
Daneben steht Friedrich Becker, ein verkanntes Talent, Altphilologe, der Döblin vielleicht am nächsten kommt. Becker entwickelt sich, wird von manchen als die Hauptfigur gesehen. Er hält sich nie an Lehrpläne. „Es schien, er was unfähig dazu.“ Ein Suchender, der „noch jahrelang durch die deutschen Gaue“ wandert.
Der alte Betrug
Döblin gewährt dem Leser einen griffigen Zugang zur Geschichte. Als Zeitgenosse kann er die Figuren authentisch zeichnen. Die Dialoge wirken nah an der Realität, auch wenn die Gefängnisszenen Fiktion bleiben – gute Fiktion, wie ich finde. Vieles weist auf die schreckliche Zukunft hin. Am Ende heißt es: „Die Regierung, noch immer unter jenem unseligen Ebert, der alles Schwache und Unsägliche des Landes verkörperte, ließ alles laufen.“ Der alte Betrug sei auch hier gelungen, schreibt Döblin.
Döblin wollte sich „historisch lokalisieren“, „rechtfertigen“ und sah die Notwendigkeit, „sich zu besinnen, die Neigung sich zu trösten und wenigstens imaginär zu rächen.“ Mit seinem Revolutionsbuch ist ihm das gelungen. Spätere Wissenschaftler sprechen von „engagierter Literatur“. November 1918 lässt die große Katastrophe und die große Aufgabe dieses Jahrhunderts erahnen: fort mit den Faschisten.
Für mich war der Roman mit seinen fast 800 Seiten kein Leseprojekt wie andere. Die Arbeit an Döblin ist dennoch nicht vorbei: Zwei Teile wären noch zu lesen. Irgendwann.
Alfred Döblin, November 1918. Eine deutsche Revolution, Karl und Rosa. Fischer, Frankfurt am Main 2013