Ich bin kein Musik-Influencer, kein Endorser und ganz bestimmt kein Marketing-Experte. Aber es gibt Instrumente, die mich über viele Jahre begleiten – und die Gitarren von Walden gehören eindeutig dazu. Seit knapp 15 Jahren verfolge ich die Entwicklung der Marke und finde spannend, was aktuell auf dem Markt passiert: Viele Walden-Modelle gibt es gerade zu ungewöhnlich niedrigen Preisen. Da lohnt es sich durchaus, mal etwas tiefer ins Thema einzusteigen.
Wer sich mit Walden beschäftigt, stößt schnell auf Jonathan Lee. In Social Media ist der Walden-Gründer gerade sehr präsent – sympathisch, unaufgeregt und mit ehrlicher Leidenschaft für Instrumente. Lee ist gelernter Geigenbauer und selbst ein hervorragender Gitarrist. Gemeinsam mit dem Gitarrenbauer Charles Fox (CFox Guitars, San Francisco) und dem taiwanischen Hersteller KHS Musical Instruments gründete er Walden 1996.
Der Name ist kein Zufall: „Walden“ verweist auf das berühmte Buch des Philosophen Henry David Thoreau – eine Anspielung auf Natürlichkeit, Entschleunigung und den Gedanken, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Für Lee offenbar Eigenschaften, die auch zur Philosophie der Instrumente passen.
Gefertigt wurden die Gitarren zunächst in einer eigenen Werkstatt im chinesischen Lilan nahe Langfang. Jonathan Lee zog zeitweise sogar selbst nach China, um die Gitarrenbauer vor Ort auszubilden und die Produktion nach traditionellen amerikanischen Handwerksstandards zu begleiten. Die Instrumente erarbeiteten sich vor allem Europa und Nordamerika schnell einen sehr guten Ruf. Im Preisbereich zwischen 300 und 1.200 Euro boten sie oft erstaunlich viel Klang und Verarbeitungsqualität, was ich aus eigener Erfahrung gern bestätige. Meine erste Walden kaufte ich damals im inzwischen verschwundenen Mindener Musikgeschäft MOM. Schon beim ersten Anspielen überzeugten mich die saubere Verarbeitung, die Stimmstabilität und dieser ausgewogen offene Klang. Auch die schlichte Eleganz – etwa der Schriftzug auf der Kopfplatte – hatte ihren Reiz.
Was mit diesen Gitarren möglich war, zeigten damals auch Musiker wie Sean Harkness oder der Göttinger Gitarrist Dianji Estevez-Caraballo.
Das Aus hat mich überrascht
Umso überraschender kam 2014 das vorläufige Aus der Marke. Ein Händler sagte damals zu mir: „Mach dir keine Sorgen – die Gitarren aus der Fabrik gibt es weiterhin, sie heißen nur anders.“ Mag sein, dachte ich dann. Aber es waren eben keine Waldens mehr. Über die Gründe lässt sich heute nur spekulieren. Es war wohl eine Mischung aus Vertriebsproblemen (wiederum eine Information von „meinem“ Händler) und dem harten Wettbewerb im unteren und mittleren Preissegment. Am Ende entschied der Mutterkonzern KHS, die Marke einzustellen. Schade eigentlich.
Ganz beendet war die Geschichte für Jonathan Lee allerdings nie. „Ich hatte immer das Gefühl, dass die Walden-Geschichte noch nicht vorbei war“, schreibt er auf seiner Website. 2019 wagte er gemeinsam mit Jaco Liao den Neustart. Liao war bereits seit vielen Jahren für Vertrieb und Qualitätssicherung verantwortlich und kannte die Marke von Grund auf. Beide sicherten sich die Rechte an Walden und entwickelten die Instrumente weiter.
Dabei flossen einige interessante technische Ideen ein: So setzt Walden auf ein speziell ausgearbeitetes Scalloped-X-Bracing – eine Deckenverstrebung, bei der an bestimmten Stellen gezielt Material reduziert wird. Dadurch kann die Decke freier schwingen, was Lautstärke, Ansprache und Obertonverhalten verbessert.
Auch die Halskonstruktion fällt auf: Zusätzlich zum üblichen Halsstab sorgen eingelassene Graphit- oder Glasfaserstäbe für hohe Stabilität. Das vermindert sogenannte „Dead Spots“ und unterstützt ein langes Sustain.
Bemerkenswert ist zudem, dass Walden bereits in mittleren Preisklassen auf massive Decken sowie hochwertige Materialien bei Griffbrett und Steg setzt. Ich selbst spiele eine Walden G570 ETB Natura Grand in Tobacco Burst – übrigens laut Jonathan Lee seine persönliche Lieblingsgitarre aus der eigenen Produktion. Das kann ich gut nachvollziehen.
Doch warum sind die Preise derzeit so niedrig? Mein Modell wird derzeit teils deutlich günstiger angeboten als noch vor einiger Zeit. Aus ehemals rund 500 Euro werden plötzlich Preise knapp unter 300 Euro.
Hintergrund ist offenbar eine breit angelegte Preisaktion des deutschen Vertriebs. Ziel dürfte sein, die Instrumente gegenüber etablierten Marken wie Yamaha, Fender oder Ibanez noch attraktiver zu positionieren. Solche Aktionen dienen oft auch dazu, Lagerbestände abzubauen – etwa vor Modellpflege, neuen Serien oder Veränderungen bei Materialien und Ausstattungen. Möglich also, dass bei Walden bereits die nächste Generation in den Startlöchern steht.
Von den niedrigen Preisen profitiert derzeit vor allem der Online-Handel. Gleichzeitig wird deutlich, wie schwer es klassische Musikgeschäfte inzwischen haben. Das MOM in Minden gibt es schon seit zwei Jahren nicht mehr. Und auch PPC Music in Hannover hat nach 45 Jahren seine Türen geschlossen. Dort habe ich vor anderthalb Jahren meine aktuelle Walden gekauft – mit echter Beratung, Instrumenten zum Anspielen und Gesprächen, die sich durch keinen Warenkorb ersetzen lassen.
Wer aktuell nach einer gut gebauten Westerngitarre mit massiver Decke, stabiler Halskonstruktion und ausgewogenem Klang sucht, sollte Walden zumindest einmal anspielen. Zurückschicken ist zwar nervig, geht aber auch.