Goethe vom Sockel geholt

Ich bin Goethe nur selten so nahe gekommen wie in diesem Stück Biographie-Literatur. Höchstens beim Besuch in Weimar: im Gartenhaus an der Ilm, im Wohnhaus am Frauenplan oder abends im Theater, als eine Goethe-Fantasie gegeben wurde, in der es um die Wirkung des Geheimrats auf Frauen ging. Nein, gelesen von Frank Arnold, teilweise auch von Autor Rüdiger Safranski selbst, hat mir das Hörbuch Goethe – Kunstwerk des Lebens sehr gut gefallen, danach dann auch die vollständige Printausgabe.

Goethe wollte – und wenn es wie beim Faust noch so lange dauert – etwas zustande bringen, wollte vollenden. Dass ihm seine Lebensspanne von 1749 bis 1832 – vom Rokoko bis weit in die Romantik hinein – diese Möglichkeit bot, war ein Glücksfall. Genau das macht das Buch aus: Es holt den Dichterfürsten nah an den Leser heran.

Safranski zeichnet die Lebensstationen nach: das Aufwachsen in Frankfurt, das Verhältnis zur Mutter, von der er die Lust am Fabulieren hat, und zum Vater, der sich einen Juristen wünscht und ihn nach Leipzig schickt. Hier begegnet er den geistigen Strömungen seiner Zeit: Gottsched bewertet die Texte junger Literaten mit roter Tinte, und Lessings Dramen sorgen für Gesprächsstoff. Schließlich die Zeit in Straßburg, wo er sein Jurastudium endlich zum Abschluss bringt, nachdem eine eigenwillige Dissertation bei der Fakultät auf Widerstand gestoßen war. Und dann: die Lyrik.

Wen du nicht verlässest, Genius,
Nicht der Regen, nicht der Sturm,
Haucht ihm Schauer übers Herz.
Wen du nicht verlässest, Genius

Wanderers Sturmlied, 1772

1773 folgt der erste Erfolg mit dem Götz von Berlichingen, nach den Erfahrungen in Wetzlar mit der eigentümlichen Dreiecksbeziehung Kestner, Buff, Goethe dann der Durchbruch mit Die Leiden des jungen Werther.

Das Weimarer Geflecht

Der eigentliche Wendepunkt folgt mit dem Umzug an den Hof von Weimar. Ermöglicht wird dieser Schritt durch die außergewöhnliche Gönnerschaft des noch sehr jungen Herzogs Carl August, der in dem „Stürmer und Dränger“ einen Freund und intellektuellen Kompagnon sucht. Carl August bietet ihm nicht nur finanzielle Unabhängigkeit, sondern bürdet ihm rasch das Ministeramt auf. Goethe gräbt sich ein in die Realpolitik: Wegebau, Bergbau in Ilmenau, Rekrutierungsaushebung und die Finanzen des kleinen Herzogtums. Safranski zeigt eindrucksvoll, wie diese administrative Pflicht den Dichter einerseits erdet, ihn andererseits aber auch künstlerisch fast erstickt.

Das Auf und Ab der Freundschaft zu Frau von Stein wird in diesem Kontext famos gezeichnet – eine emotionale und intellektuelle Klammer in Jahren schwerer beruflicher Belastung. Überhaupt beleuchtet das Buch das dichte Beziehungsnetz dieser Jahre: etwa zu Lavater, der Religion streng aus der Bibel ableitet, während Goethe die Bibel als Poesie versteht. Das kann auf Dauer nicht gutgehen.

In dieses kritische, oft anstrengende Weimarer Geflecht passt auch Johann Gottfried Herder. Für mich stand Herder lange auf einem Sockel, fast wie ein Nationalheiliger – nicht zuletzt, weil eine Schule in meiner Heimatstadt nach ihm benannt wurde. Doch durch Safranskis Werk wird klar: Auch Herder war nur ein Mensch – und nicht immer ein angenehmer. Er konnte kaum anerkennen, dass der wenig jüngere Goethe etwas gut gemacht hatte, konnte schwer loben und besaß einen Skeptizismus, den ich im Umgang mit Freunden für übertrieben halte – fast wie eine permanente, unangemessene Prüfung.

Abschied auf Zeit

Der Druck aus Staatsgeschäften, der stockenden literarischen Arbeit und der beengenden Beziehung zu Charlotte von Stein wird schließlich so übermächtig, dass Goethe den radikalen Abschied aus Weimar probt. Es ist eine regelrechte Flucht: Im September 1786 bricht er klammheimlich, unter falschem Namen und ohne den Herzog zu informieren, gen Süden auf. Safranski schildert diese Italienreise nicht nur als Bildungsreise, sondern als existenzielle Rettungsaktion für Goethes Künstlertum. Es ist die Flucht in die Welt der klassischen Antike, aus der er als ein anderer zurückkehrt.

Nach seiner Rückkehr ordnet er sein Leben in Weimar neu: Er distanziert sich von den alten Amtspflichten, lebt offen mit Christiane Vulpius zusammen und heiratet sie schließlich 1806 gegen viele Widerstände. Zugleich wendet er sich intensiv den Dramen, den Wilhelm-Meister-Romanen und dem Faust zu.

Kampf gegen Newton

Doch die Kunst allein füllt ihn nicht aus; es folgt eine Phase intensiver Naturforschung. Safranski arbeitet heraus, dass Goethe seine Entdeckungen – wie die des Zwischenkieferknochens oder die Metamorphose der Pflanzen – keineswegs als bloßes Hobby verstand. Sein absolutes Herzensprojekt aber wurde die Farbenlehre. Goethe war überzeugt, dass Licht eine unteilbare Einheit sei und Farben erst im Zusammenspiel von Licht und Finsternis entstehen.

Damit stellte er sich frontal gegen die mathematisch-physikalische Theorie Isaac Newtons, der bewiesen hatte, dass das weiße Licht aus den Spektralfarben zusammengesetzt ist. Für Goethe war Newtons Ansatz eine seelenlose Abstraktion, die die sinnliche Wahrnehmung des Menschen ignorierte.

Umso bitterer traf ihn die Reaktion der Fachwelt: Die Physiker seiner Zeit ignorierten oder verrissen sein Werk, das er mit immensem Aufwand an Experimenten und historischer Recherche zusammengetragen hatte. Safranski zeigt einen zutiefst gekränkten Goethe, der sich von der Reaktion seiner Zeitgenossen bitter missverstanden fühlte. Bis ins hohe Alter hinein beharrte der Geheimrat trotzig darauf, dass diese naturwissenschaftliche Erkenntnis seine eigentliche, bleibende Lebensleistung sei – weit vor seiner gesamten Dichtung. Ein grandioser Irrtum eines Genies, den Safranski mit viel Empathie nachzeichnet.

Doch Safranski interessiert sich nicht nur für Goethes Werk und seine Irrtümer. Ebenso eindringlich beschreibt er das Lebensgefühl einer Epoche.

Überhaupt wurde viel geweint

Das Buch kam mir wie ein angenehm gemächlicher Ritt durch ein langes Leben vor. Von Goethe erfährt man viel, aber auch vom intellektuellen Leben seiner Zeit – einer Zeit, in der Frauen viel geweint haben. Überhaupt, so heißt es bei Safranski, sei viel geweint worden: ob des Schlechten im Leben, ob der Krankheiten, von denen auch Goethe nicht verschont blieb. Und die fielen so schlimm aus, dass er an den Tod dachte, dabei aber auch an sein Werk, das unvollendet bleiben würde.

Safranski macht deutlich, dass Goethe eine Berufung hatte, die er nicht nur in der Rückschau als Konstrukt verklärt – wie etwa im bedeutungsschweren Anfang von Dichtung und Wahrheit, in dem selbst die Planetenstellung Großes vermuten lässt –, sondern die er bereits im Laufe seines Lebens so verstand. Das jedenfalls lassen die unzähligen Briefe vermuten, die Safranski in den sechs Jahren seiner Recherche gelesen hat, ebenso die Zeitzeugentexte mit Begegnungsbeschreibungen.

Goethe selbst will wissen, wie er wirkt, bleibt – sprechend über den „Herrn Goethe“ – gern inkognito. Er will sich darstellen, will ein „exemplarisches Leben“ führen. Was keine Kunst ist, lässt er nur selten an sich heran – es interessiert ihn nicht. Und wenn es ihn interessieren muss, weil es um Familie geht, wirkt er schwach: etwa als er vom Tod seines Sohnes August erfährt. Er habe gewusst, dass er ein sterbliches Wesen gezeugt habe. Vaterliebe stellt man sich gemeinhin anders vor.

Katastrophe von 1805

Umso bedeutender waren für ihn die intellektuellen Wahlverwandtschaften. Safranski widmet der tiefen Arbeitsfreundschaft zwischen Goethe und Friedrich Schiller zu Recht viel Raum. Es war eine Zweckgemeinschaft, die zur Schicksalsgemeinschaft wurde. Zunächst herrschte Distanz: hier der etablierte, fast behäbige Minister Goethe, dort der revolutionsbegeisterte, mittellose Heißsporn Schiller. Erst das legendäre Gespräch über die Metamorphose der Pflanzen im Jahr 1794 brach das Eis. Was folgte, war ein einzigartiges literarisches Kraftfeld. Schiller spornte Goethe an, trieb ihn an den Faust und den Wilhelm Meister zurück; Goethe wiederum gab Schiller die ästhetische Erdung. Sie brauchten einander als Korrektiv und spiegelten sich im anderen, um die Weimarer Klassik überhaupt erst zu begründen.

Dass Schiller 1805 starb, war für Goethe eine absolute Katastrophe. Safranski schildert bewegend, wie tief diese Zäsur den alternden Dichter traf. Als Schiller im Sterben lag, war Goethe selbst schwer krank. Niemand wagte es, ihm die Nachricht vom Tod des Freundes zu überbringen. Als er es an den verweinten Mienen der Hausbewohner erahnte und Christiane es bestätigte, verbarg er sein Gesicht und weinte haltlos. „Ich verliere einen Freund und mit demselben die Hälfte meines Daseins“, schrieb er später. Safranski macht deutlich: Mit Schiller starb Goethes wichtigstes Gegenüber. Zwar blieben ihm Beziehungen zeitlebens wichtig – mit all ihren Höhen und Tiefen –, und er ließ Verleger wie Cotta spüren, wenn ihm etwas missfiel. Doch eine solche geistige Intimität wie mit Schiller erreichte er nie wieder.

In jedem Fall wollte Goethe sein Leben wie eine Pyramide zuspitzen, dabei auch an Grenzen gehen, das Menschsein in seinem Sinn auskosten. Wer Goethe – Kunstwerk des Lebens gehört oder gelesen hat, wird zum Schluss kommen, dass ihm das gelungen ist. Am Selbstbewusstsein hat es dem alten Geheimrat jedenfalls nicht gemangelt.

Das Problem mit den Sockeln

Bleibt am Ende die Frage nach dem Sockel und dem Nationalheiligtum. Auch Goethe hat ein Ausnahmeleben geführt, war aber mit Sicherheit kein „Heiliger“. Sockel sind grundsätzlich schwierig: Sie tragen zur Heroisierung bei, aber selten zur Wahrheit. Letzteres versucht Safranski in seiner Biografie. Er holt die großen Geister auf Augenhöhe herab und zeichnet sie als fehlbare Menschen. Bewundern darf man sie wegen ihrer immensen Lebensleistung trotzdem.

Hörbuch: Rüdiger Safranski, Goethe – Kunstwerk des Lebens, gelesen von Rüdiger Safranski und Frank Arnold, erschienen 2013 bei Random House.

Druckausgabe: Für diesen Beitrag habe ich auch die Druckausgabe gelesen, erschienen bei Hanser, ebenfalls 2013. Sehr empfehlenswert!

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