Kriege haben ihre Helden, ihre Täter, ihre Opfer – und ihre Narren. Letztere überleben sie meist am längsten. Sie dürfen sagen, was andere nicht aussprechen können, und sie bewegen sich zwischen den Fronten, weil sie zu keiner gehören. Tyll ist ein solcher Narr. Es hat ihn schon gegeben, lange bevor er bei Daniel Kehlmann auftrat – und erst recht im Dreißigjährigen Krieg. Kehlmann hat darüber einen Roman geschrieben, der nicht erklärt, nicht ordnet, nicht tröstet, sondern sich mit der schonungslosen Wahrheit auseinandersetzt.
Die Wahrheit tanzt auf dem Seil weiterlesenSchlagwort: Dreißigjähriger Krieg
Konrad Hoier und das stille Maß der Tage
Wer heute durch das Kloster Möllenbeck bei Rinteln geht, begegnet vor allem der Stille. Schritte hallen auf Stein, Türen knarren leise, der Blick verliert sich im weiten Innenhof. Dass diese Ruhe einst das Produkt eines streng getakteten Alltags war, lässt sich heute nur noch erahnen. Überliefert ist diese Ordnung vor allem in Texten – verfasst von einem Mann, der Struktur nicht nur lebte, sondern sie in einer Epoche des Chaos neu begründen musste. Konrad Hoier stammte aus Lüdenhausen im heutigen Kalletal. Als Subprior des Stifts Möllenbeck gehörte er zwar nicht zur absoluten Spitze des Konvents, trug jedoch die maßgebliche Verantwortung für die Disziplin, die Verwaltung und den geistlichen Alltag. Sein Wirken fiel in eine Phase existenzieller Verunsicherung: Die Reformation hatte das religiöse Leben fundamental erschüttert, und der Dreißigjährige Krieg (1618–1648) legte Europa in Trümmer.
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