Warum es schade ist, Goethe nicht zu lesen

Keine Schande sei es, Goethe nicht zu lesen – so stellt Gustav Seibt gleich zu Beginn seines neuen Buches Ein Sommer mit Goethe beruhigend klar. Aber, und da pflichte ich ihm aus vollem Herzen bei: Es ist schlicht schade.

Diesen „Sommerkurs“ – Seibts Klappentext spricht treffend von einer Einführung in den Goetheschen Kosmos – habe ich tatsächlich mitten im Sommer absolviert. Nach akademischem Pflichtprogramm fühlte sich die Lektüre allerdings zu keiner Zeit an. Nach fast 40 Jahren Auseinandersetzung mit dem alten Geheimrat – mal intensiver, mal aus der Distanz – darf ich mich durchaus zu jenen zählen, die sein Werk gut kennen. Die Leiden des jungen Werther gehören seit Langem zu meinen Lebensbüchern. Auch durch zahlreiche Biografien habe ich mich gearbeitet – von Heinrich Dörings früher Darstellung aus dem Jahr 1853 bis zu Rüdiger Safranskis Goethe. Kunstwerk des Lebens.

Und dennoch: Seibts 40 kurze Kapitel haben mir manche Zusammenhänge und Blickwinkel neu vor Augen geführt. Der Essayist, Historiker und Literaturkritiker „mikroskopiert“ Goethe gewissermaßen. Diese Art der Literaturbetrachtung gefällt mir außerordentlich gut. Sie bleibt nah am Text, ohne den Blick für das große Ganze zu verlieren.

Hängengeblieben ist bei mir etwa Goethes „erstaunlich lässiger“ Umgang mit der Fertigstellung seiner Manuskripte. Aus dem Studium hatte ich eher das Bild des makellosen Monuments vor Augen: die Ausgabe letzter Hand, das Streben nach dem Guten, Wahren und Schönen. Was bleibt, muss perfekt sein – so jedenfalls der verbreitete Eindruck. Seibt zeigt jedoch eine andere Seite: „Goethes Liberalität war bewusst programmatisch.“ Sie war Ausdruck seiner entschiedenen Ablehnung jenes Sprachpurismus, der sich in der späten napoleonischen Zeit unter patriotisch-antifranzösischen Vorzeichen ausbreitete.

Noch nachhaltiger beeindruckt hat mich Seibts Blick auf Goethes Haltung zur Endlichkeit – ein Thema, das mir bereits bei Safranski im Zusammenhang mit dem Tod seines Sohnes August begegnet war. Nach außen schottete sich Goethe ab, flüchtete in eiserne Disziplin und betäubte den Schmerz mit Arbeit. Seibt leuchtet jedoch die emotionale Schutzmauer dahinter genauer aus: „Goethe wollte dem Tod nicht ins Gesicht schauen.“ Besonders eindringlich ist eine Passage, die sich sofort einprägt: „Während des Todeskampfes seiner Frau Christiane lag Goethe krank im Bett, die Schmerzen, die Schreie erreichten ihn im eigenen Haus nur übers Gehör, dem Anblick wollte er sich nicht aussetzen.“

Es sind genau diese Schlaglichter, die Seibts Sommerlektüre so lohnend machen. Sie sprengen das Marmorbild des Klassikers und lassen dahinter einen verletzlichen, manchmal abwehrenden, aber stets zutiefst menschlichen Goethe hervortreten. Gerade deshalb ist Ein Sommer mit Goethe weit mehr als eine Einführung. Es ist eine Einladung, Goethe wieder zu lesen – oder ihn vielleicht überhaupt erst zu entdecken.

Gustav Seibt, Ein Sommer mit Goethe, Beck 2026

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