Warum es schade ist, Goethe nicht zu lesen

Keine Schande sei es, Goethe nicht zu lesen – so stellt Gustav Seibt gleich zu Beginn seines neuen Buches Ein Sommer mit Goethe beruhigend klar. Aber, und da pflichte ich ihm aus vollem Herzen bei: Es ist schlicht schade.

Diesen „Sommerkurs“ – Seibts Klappentext spricht treffend von einer Einführung in den Goetheschen Kosmos – habe ich tatsächlich mitten im Sommer absolviert. Nach akademischem Pflichtprogramm fühlte sich die Lektüre allerdings zu keiner Zeit an. Nach fast 40 Jahren Auseinandersetzung mit dem alten Geheimrat – mal intensiver, mal aus der Distanz – darf ich mich durchaus zu jenen zählen, die sein Werk gut kennen. Die Leiden des jungen Werther gehören seit Langem zu meinen Lebensbüchern. Auch durch zahlreiche Biografien habe ich mich gearbeitet – von Heinrich Dörings früher Darstellung aus dem Jahr 1853 bis zu Rüdiger Safranskis Goethe. Kunstwerk des Lebens.

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Goethe, Schall, Rauch

Dass Namen gern in Schall und Rauch aufgehen, ist hinlänglich bekannt. Der Name Goethe ist allerdings von ganz anderer Qualität. Sein Name steht felsenfest in der Erinnerungskultur, wie auch immer diese Kultur aussehen mag. Charles Lewinsky nennt seinen Roman Rauch und Schall und beschreibt Goethe höchst menschlich, wobei bereits der erste Satz den Ton setzt: Goethe hatte Hämorrhoiden.

Mit dieser profanen, schmerzhaften Realität holt Lewinsky den olympischen Dichterfürsten im Spätherbst 1814 vom Sockel. Wir begegnen einem 65-jährigen Geheimrat, der auf dem Höhepunkt seines Ruhms steht, sich zur Kur im thüringischen Bad Tennstedt befindet, aber unter einer hartnäckigen literarischen Blockade und körperlichen Leiden leidet. Das monumentale Ego ist blockiert – bis ein junger, mittelloser Regionalschriftsteller die Bühne betritt: Christian August Vulpius.

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