
Ein Doktorand, LSD und der Traum, Gott zu sehen: T.C. Boyle berichtet in Das Licht von einer Ära, in der Forschung, Rausch und Spiritualität untrennbar miteinander verschmelzen.
Literatur schenkt uns Erfahrungen. Sie kann uns in Ekstase versetzen – einen Rausch erzeugen, ganz ohne die körperlichen und moralischen Risiken, die eine echte Substanz mit sich bringen würde. Ironischerweise sind es oft jene, die uns diesen Rausch ermöglichen, die selbst unter bewusstseinsverändernden Experimenten gelitten haben. Edgar Allan Poe etwa, der sein Opium in Laudanum löste, oder Georg Trakl, der als Apotheker Zugang zu Morphinen hatte. T.C. Boyle gehört ebenfalls zu diesen Autoren – seine Erfahrung mit synthetischen Drogen macht Das Licht zu einem so intensiven Leseerlebnis.
Die Vorlage bildet die psychedelische Ära der 1960er Jahre, geprägt von Timothy Leary, dem LSD-Guru. Sein Motto „Turn on, tune in, drop out“ beeinflusste Popkultur, Beatles und sogar John Lennons „Give Peace a Chance“. Leary wollte mit LSD Grenzen des Bewusstseins erforschen – eine Mischung aus Wissenschaft, Aufsässigkeit und charismatischer Inszenierung, die Boyle in Das Licht meisterhaft nachzeichnet.
Ein ganz normaler Typ
Im Mittelpunkt steht der Doktorand Fitzhugh „Fitz“ Loney. Anfangs ein ganz normaler Familienvater, wird sein Leben durch Leary und die Experimente an LSD komplett auf den Kopf gestellt. Zunächst nur aus Forschungsdrang, später zunehmend von der Droge selbst getrieben, taucht Fitz in psychedelische Erfahrungen ein, die ihn an die Grenzen von Realität und Bewusstsein führen: „Begann die Droge zu wirken und rollte und rollte durch ihn hindurch wie sich übereinandertürmende Wellen an einem endlosen Strand.“
Boyle zeigt, wie der anfängliche wissenschaftliche Eifer bald in einen kollektiven Rausch übergeht. Die Gruppe der Jünger lebt in Kommunen, experimentiert, liebt, forscht – und verliert zunehmend den Bezug zur äußeren Welt. Sexualität, Spiritualität und Forschung verschmelzen zu einer dichten, oft surrealen Erfahrung. Die wiederkehrende Frage, die alles überschattet, lautet: „Hast du Gott gesehen?“
Das Licht ist mehr als eine historische Erzählung über LSD. Boyle schafft einen religiösen Roman, der grundlegende Fragen des Menschseins stellt: Gibt es Gott? Wie kann man das Göttliche erfahren? Die Grenze zwischen Wissenschaft und Religion verschwimmt, und am Ende bleibt die Erfahrung selbst – intensiv, überwältigend, aber nie dogmatisch.
Boyles meisterhafte Darstellung zeigt: Erkenntnis und Bewusstseinserweiterung können auch ohne reale Substanzen erlebt werden – durch Literatur, durch Worte, durch Vorstellungskraft. Ein Rausch, der nicht zerstört, sondern erweitert.
Das Licht von T.C. Boyle, übersetzt von Dirk van Gunsteren, erschien 2019 bei Hanser.
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