
T.C. Boyle hat sich in seinen Romanen immer wieder für die Schnittstellen von Natur, Wissenschaft und Gesellschaft interessiert. In Die Terranauten nimmt er ein Experiment in den Blick, das gleichermaßen fasziniert und verstört: Acht junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler werden in einer riesigen Glaskuppel für zwei Jahre von der Außenwelt abgeschottet. Sie sollen beweisen, dass ein Leben in einem geschlossenen Ökosystem möglich ist – als Modell für künftige Weltraummissionen, aber auch als visionäre Antwort auf ökologische Krisen.
Der Roman schildert, wie aus dem Idealismus der Beteiligten langsam Rivalität, Misstrauen und persönliche Konflikte entstehen. Das Leben im Glashaus erweist sich nicht nur als physische, sondern vor allem als psychologische Herausforderung.
Brüchiges Gefüge unter Glas
Boyle erzählt die Geschichte abwechselnd aus den Perspektiven von Dawn, einer jungen Biologin, die voller Idealismus in das Projekt geht und darin ihre große Lebensaufgabe sieht, und von Ramsay, einem kalkulierenden PR-Mann, der das Experiment vor allem als Bühne für seine eigene Karriere begreift. Dazwischen bewegt sich Linda, Dawns ehrgeizige Rivalin, die weniger an Forschung als an Macht und Ansehen interessiert ist. Um sie herum formiert sich eine Gruppe von Charakteren, die zwischen Gemeinschaftssinn und Egoismus, Loyalität und Selbstinszenierung schwanken. Gerade durch diesen ständigen Perspektivwechsel macht Boyle deutlich, wie brüchig das Gefüge in der Kuppel ist – und wie schnell das Ideal einer eingeschworenen Gemeinschaft an menschlichen Schwächen zerbricht.
Hinzu kommt der permanente Druck von außen: Medien, Sponsoren und Zuschauer verfolgen das Experiment mit Argusaugen, jede Schwäche wird kommentiert, jeder Fehler zum Ereignis.
Boyle interessiert sich weniger für die technischen Details als für das menschliche Verhalten unter extremen Bedingungen. Seine Figuren sind keine Helden, sondern Menschen mit Eitelkeiten, Sehnsüchten und verletzlichen Seiten. Genau darin liegt die Stärke des Romans: Er zeigt, wie schnell große Ideen an den kleinen Schwächen des Alltags scheitern können.
Die Terranauten ist damit keine bloße Satire auf das Reality-TV, auch wenn Parallelen zu Formaten wie Big Brother oder dem Dschungelcamp unübersehbar sind. Vielmehr gelingt Boyle eine tiefgründige Studie über Gruppendynamik, den Zwiespalt zwischen Ideal und Wirklichkeit und die Frage, wie viel Gemeinschaft der Einzelne erträgt, ohne sich selbst zu verlieren.
Wer T.C. Boyle liest, erwartet sprachliche Energie und gesellschaftliche Relevanz – und genau das bietet dieser Roman. Die Terranauten ist packende Literatur, die weit über den Anlass hinausweist und uns an den Kern menschlicher Erfahrungen heranführt.
T.C. Boyle, Die Terranauten, Hanser 2017, mittlerweile auch als Taschenbuch erhältlich.
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