Zwischen Odin und Altar

Wer heute an das frühe Mittelalter denkt, hat oft ein düsteres Bild im Kopf: rauchende Scheiterhaufen, finstere Burgen und eine tiefgläubige, rein christliche Welt. Doch wenn ich intensiver in die Geschichte eintauche, stoße ich immer wieder auf Brüche, die dieses Bild ins Wanken bringen. Das faszinierendste Beispiel dafür begleitete mich schon mein halbes Leben: die Merseburger Zaubersprüche.

Sie sind die einzigen erhaltenen Zeugnisse rein germanisch-heidnischer Religiosität in unserer Sprache. Doch ihre Geschichte birgt ein großes Paradox: Aufgeschrieben wurden sie nicht von heimlichen Heiden im finsteren Wald, sondern von einem christlichen Mönch im Herzen der damaligen Hochkultur.

Eine persönliche Spurensuche

Meine eigene Begegnung mit den Sprüchen ist fast so etwas wie eine dreiteilige Zeitreise. Das erste Mal kamen sie mir in der Schule unter – damals wirkten die Zeilen wie ein skurriles, kaum lesbares Relikt aus einer längst vergessenen Welt. Ein paar Zeilen Althochdeutsch, von der literaturbegeisterten Lehrerin mit geschlossenen Augen vorgetragen, ohne dass ich die Tragweite begreifen konnte.

Das änderte sich radikal im Studium. Wenn man die Texte plötzlich paläographisch und linguistisch seziert, verwandelt sich das verstaubte Gedicht in ein hochspannendes Kriminalstück. Man lernt, die Schichten der Sprache abzutragen wie ein Archäologe.

Und dann ist da die Popkultur. Wer meinen Lieblingsroman Der Name der Rose von Umberto Eco liest, stolpert unweigerlich über die Atmosphäre, in der diese Sprüche lebten. Wenn William von Baskerville durch die geheimnisvolle Klosterbibliothek streift, spürt man genau diese Schwellenzeit zwischen tiefem Glauben, verbotenem Wissen und der Faszination für das Ketzereische oder Heidnische. Genau in so einem Mikrokosmos, wie Eco ihn beschreibt, fing alles an.

Eine Abbildung vom Schutzumschlag der Hanser-Ausgabe des Eco-Buchs.

Wo die Funken der Fantasie fliegen

Mit Eco hast du die Bilder sofort vor Augen: das dämmrige Skriptorium, das Kratzen der Federkiele auf schwerem Pergament, das Flackern der Kerzen und dieser ganz spezifische Geruch von Tinte, Leder und Staub. Extrener Fokus hier, unterdrückte Neugier dort.

Genau diese Atmosphäre atmeten auch die Mönche im Kloster Fulda des 10. Jahrhunderts. Wenn ich mir den anonymen Schreiber der Zaubersprüche vorstellen, dann saß er an einem hölzernen Pult, umgeben von sakralen, lateinischen Texten. Doch Klöster waren damals eben nicht nur Orte des blinden Nachrollens von Dogmen – sie waren die Hüter allen Wissens.

Bei Eco fasziniert die Mönche das verbotene, zweite Buch der Poetik des Aristoteles über die Komödie. In der Realität von Fulda war es vielleicht das Raunen der alten Lieder und Beschwörungen der eigenen Vorfahren, das eine ähnliche, fast magische Anziehungskraft besaß. Der Schreiber tat etwas, das auch Ecos Bibliothekaren vertraut gewesen wäre: Er schmuggelte das Weltliche, das Heidnische, das „Gefährliche“ in den Schutzraum eines heiligen Buches. Er nutzte die Ränder eines Sakramentars, um die Geister der Vergangenheit zu bannen – ein Akt, der im fiktiven Kloster des Adson von Melk mit Sicherheit für theologische Debatten gesorgt hätte.

Und dann der Fund

Wir schreiben das Jahr 1841. Der Historiker Georg Waitz blättert in der Domstiftsbibliothek Merseburg durch ein altes, lateinisches Buch aus dem 10. Jahrhundert – ein sogenanntes Sakramentar, das eigentlich für den christlichen Gottesdienst bestimmt war. Doch auf den freien Seiten am Anfang und Ende macht er eine Entdeckung, die die Forschung auf den Kopf stellen sollte.

Da sind sie: die Merseburger Zaubersprüche im original. Foto: Wikimedia Commons

Dort, wo eigentlich Platz für Notizen oder Gebete war, hatte ein Schreiber zwei althochdeutsche Sprüche eingetragen. Der erste diente dazu, gefangene Krieger von ihren Fesseln zu befreien. Er beschreibt eine Gruppe mythologischer Frauenwesen (Idisen/Walküren), die verschiedene Aufgaben zur Befreiung von Gefangenen ausführen.

Eiris sazun idisi, sazun hera duoder.suma haft hafton, suma heri lezidun,suma clubodun umbi cuoniouandi:insprinc haptbandun, inwarv wigandun!

Einst setzten sich Idisen, setzten sich hierhin und dorthin. Manche knüpften Fesseln, manche hemmten das Heer,manche nestelten an den Gefangenenbanden:Entspring den Haftbanden, entkomme den Kriegern!

Der Zweite Merseburger Zauberspruch ist ein Zauberspruch zur Heilung eines verrenkten oder gebrochenen Pferdefußes. Nach einer kurzen Erzählung (Götter reiten in den Wald, das Fohlen von Phol/Balder verrenkt den Fuß) wenden verschiedene Götter Heilformeln an, bis Wodan mit seinen Magiekenntnissen den Fuß erfolgreich heilt. Der Zauberspruch arbeitet mit dem Prinzip der Behandlungsanalogie („wie damals bei den Göttern, so heute bei diesem Tier“).

Phol ende Wodan vuorun zi holza.du vart imo thie balderes volon sin vuoz verrenkit.thu biguol en Sinthgunt, Sunna era suister; thu biguol en Friia, Volla era suister;thu biguol en Wodan, so he wola conda: so se benrenki, so se bluotrenki, so se lidirenki: ben zi bena, bluot zi bluoda,lid zi geliden, sose gelimida sin!

Phol und Wodan ritten in den Wald. Da wurde dem Fohlen Balders sein Fuß verrenkt. Da besprach ihn Sinthgunt (und) Sunna, ihre Schwester; da besprach ihn Frija (und) Volla, ihre Schwester; da besprach ihn Wodan, wie er es wohl verstand: Wie Beinverrenkung, so Blutverrenkung, so Gliedverrenkung: Bein zu Bein, Blut zu Blut, Glied zu Gliedern, wie geleimt sollen sie sein!

Allein der Klang beim (guten) Vorlesen fasziniert mich. Doch warum bitteschön landen heidnische Götternamen in einem heiligen, christlichen Buch? Wer war der Mensch, der diese Zeilen niederschrieb? Dank der modernen Forschung können wir den Kreis erstaunlich eng eingrenzen.

Es war eine einzige, hochgebildete Hand. Der Text ist in einer sauberen karolingischen Minuskel verfasst – der Standard-Buchschrift jener Epoche. Das verrät: Hier saß kein Amateur am Werk, sondern ein professioneller Kopist im Skriptorium eines mächtigen Klosters. Die sprachliche Färbung des Althochdeutschen, ein ostfränkischer Dialekt mit thüringischen Einflüssen, führt direkt ins Kloster Fulda um das Jahr 950.

Ein Merian-Stich von 1655 mit dem Klosterbezirk in Fulda. Foto: Wikimedia Commons

Fulda war damals die absolute Bildungsmetropole der Region. Hier trafen antike Gelehrsamkeit und das Interesse an der eigenen Sprache aufeinander. Der Schreiber war mit Sicherheit ein christlicher Kleriker. Vielleicht trieb ihn historisches Interesse, vielleicht aber auch der pure Pragmatismus: Wenn das Pferd lahmte, griff man in dieser Schwellenzeit eben nach jedem Strohhalm – und das Wissen, wie man ein Tier gesund „bespricht“, war in der Bevölkerung noch tief verwurzelt.

Das Land hinter den Schlammpfaden

Um zu verstehen, in welcher Welt dieser Mönch lebte, sollte man das „Deutschland“ des 10. Jahrhunderts vor Augen haben. Ein geeintes Land gab es nicht; die Region gehörte zum unruhigen Ostfrankenreich unter den ottonischen Königen.

Wenn ich mir die Landschaft von damals vorstelle, sehe ich vor allem eines: endlose, dichte Urwälder. Die Zivilisation bestand aus weit verstreuten Inseln. Klöster und Königspfalzen lagen wie Festungen in der Wildnis. Flüsse waren die echten Autobahnen der Zeit, denn die Wege an Land waren oft kaum mehr als unwegsame Schlammpfade. Und knapp östlich von Saale und Elbe begann bereits das Territorium slawischer Stämme – es war eine raue, von Konflikten geprägte Grenzregion.

Der Alltag der Menschen

Wie sah das Leben für die Menschen aus, die diese Zaubersprüche im Alltag murmelten? Hart. Über 90 Prozent der Bevölkerung waren einfache Bauern, die in tiefer Abhängigkeit von ihren Grundherren schufteten. Sie wohnten in einfachen Lehm- und Pfostenhäusern. Im Winter teilte sich die Familie den einzigen Raum mit dem Vieh – die Tiere waren schlicht die Heizung. Ein Schornstein? Fehlanzeige. Der Rauch der offenen Feuerstelle zog langsam durch das Strohdach ab. Gegessen wurde, was der Boden mühsam hergab: Getreidebrei, Kraut und einfaches Brot. Fleisch war ein Luxus. Ein einziger verregneter Sommer bedeutete sofort Hunger und existenzielle Not.

In dieser harten Realität war die Gedankenwelt der Menschen von einer tiefen Spiritualität geprägt. Offiziell waren zwar alle getauft, aber der Glaube an unsichtbare Mächte, Geister und die magische Kraft des gesprochenen Wortes war allgegenwärtig. Man ging sonntags brav zur Messe, aber wenn das Kind fieberte oder die Ernte bedroht war, vertraute man auf die alten, mündlich überlieferten Formeln.

Ein Fenster in eine Schwellenzeit

Für mich sind die Merseburger Zaubersprüche deshalb so wertvoll, weil sie genau diesen Übergang spürbar machen. Sie zeigen eine Epoche, in der die alte und die neue Welt nebeneinander existierten.

Ein anonymer Mönch in Fulda hat vor über tausend Jahren für einen kurzen Moment den Stift gehoben, um die mündliche Tradition seines Volkes auf Pergament zu bannen. Er hat uns damit ein unbezahlbares Stück unserer eigenen Kulturgeschichte gerettet – und einen Text geschaffen, der Jahrhunderte später noch Schüler ins Grübeln bringt, Studenten fasziniert und Großmeister wie Umberto Eco inspiriert.


Nachdem Georg Waitz die althochdeutschen Beschwörungsformeln 1841 im Domkapitel Merseburg entdeckt hatte, legte er den Fund dem Sprachwissenschaftler und Germanisten Jacob Grimm vor. Grimm hielt dazu am 3. Februar 1842 seinen berühmten Antrittsvortrag vor der Königlichen Akademie der Wissenschaften in Berlin und publizierte den Text im selben Jahr erstmals samt wissenschaftlicher Einordnung und Kommentar.

Wer tiefer einsteigen möchte, dem sei Wolfgang Becks Buch „Die Merseburger Zaubersprüche – Eine Einführung“ wärmstens empfohlen. Es bietet einen kompakten und gut verständlichen Überblick über Entdeckung, Erforschung und Rezeption, ohne auf Tiefe zu verzichten. Besonders spannend: Beck stellt auch weitere Segens- und Zaubersprüche vor – darunter den Wiener Hundesegen und den Bamberger Blutsegen –, die zeigen, dass diese Form der magischen Sprache weit verbreitet war.

Und über den wunderbaren Roman von Umberto Eco gibt es hier einen (hoffentlich) lesenswerten Beitrag.

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