Hätte ich doch bloß keine Turnschuhe getragen. Gummistiefel wären besser gewesen. Der Weg zum „Objekt der Begierde“ führte über einen Feldrand – und vor ein paar Minuten hatte es noch geregnet. Egal. Ich wollte unbedingt zu den zugewucherten Gebäuden, die mitten in der Landschaft stehen. Relikte einer Bergbaugeschichte, die die Region über Jahrzehnte geprägt hat.

Schon länger hatte ich mir vorgenommen, genau diese Geschichte für einen Zeitungsartikel aufzuarbeiten. Die Reste der Erzgruben in Dützen – heute Potts Park – und, ein wenig über den Tellerrand hinaus, das Besucherbergwerk in Kleinenbremen sind bekannt. Doch mich interessierte auch die Kohleförderung. Und damit vor allem Minden-Meißen.
Tatsächlich gibt es dort einige bemerkenswerte Spuren – darunter auch diesen Ort, den ich eher zufällig entdeckt habe. Auf der Rückfahrt von einem Termin mit dem Ortsheimatpfleger fiel mir die Anlage ins Auge. Obwohl ich die Strecke gut kenne, waren mir die Gebäude, etwas abseits hinter einer Trafostation gelegen, nie aufgefallen.

Ich bin sofort abgebogen, habe den Wagen abgestellt. Knapp 20 Minuten später stand ich vor dem Zaun. Weiter kam ich nicht. Ein Schild der Bezirksregierung warnt vor „Lebensgefahr“. Dahinter: Waschkaue und Verwaltungsgebäude. Groß, massiv – und vollständig überwuchert. Backstein und Beton verschwinden langsam, Fenster schauen ins Leere. Und dahinter lässt sich nur noch erahnen, wie hier gearbeitet wurde, wo die Kleidung nach der Schicht hing.

Von 1930 an war die Schachtanlage in Betrieb, mit elf Betriebssohlen und einer Tiefe von bis zu 500 Metern erschlossen. 440 Menschen arbeiteten hier. Die Kohle wurde per Seilbahn zum Werksgelände transportiert. 1958 war Schluss.

Heute entzieht sich der Ort dem Zugriff. Und gerade deshalb ist er ein faszinierendes Fotomotiv.
Im mittlerweile erschienenen Zeitungsartikel geht es um mehr – besonders um die nur wenige hundert Meter entfernte Zeche Meißen. Am 29. Januar 1880 ereignete sich dort eines der schwersten Unglücke der regionalen Bergbaugeschichte: Eine Schlagwetterexplosion tötete 17 Bergleute. Was genau geschah, ließ sich nie vollständig klären. Eine Untersuchungskommission stellte später fest, dass die Sicherheitslampe eines Bergmanns unverschlossen war. Der Mann selbst gehörte zu den Opfern.
Mehr als vier Jahrzehnte später kam es erneut zu einer Explosion. Diesmal starb ein Bergmann – es war ein schichtfreier Sonntag. Sonst hätte es wohl mehr Tote gegeben.
Man muss schon wissen, wonach man sucht
Über die Unglücke spricht heute in Meißen kaum noch jemand. Aber der Bergbau hat Spuren hinterlassen. Auch im Ort selbst gibt es solche Hinweise. Eine unnatürliche Erhöhung am ehemaligen Naturfreundehaus ist noch heute befahrbar – eine Abraumhalde, die auf die Kohleförderung zwischen 1834 und 1847 hinweist. Straßennamen wie Stollenweg oder Glückaufweg erzählen von der Vergangenheit, ohne dass man sie sofort liest. Man muss schon wissen, wonach man sucht.
Vielleicht ist das das Eigentliche an solchen Orten: Sie drängen sich nicht auf. Man kann an ihnen vorbeifahren, jahrelang, ohne sie wahrzunehmen. So wie ich.
Und dann steht man plötzlich davor. Vor einem Zaun, hinter dem sich ein Stück Geschichte verbirgt, das längst verschwunden scheint – und doch noch da ist. Ich gehe zurück zum Auto, über das Feld, denselben Weg. Hinter mir verschwindet der Ort wieder aus dem Blick. Und zu Hause mache ich erst einmal die Schuhe sauber.
Wer tiefer in die Geschichte des Meißener Bergbaus und die Unglücke unter Tage eintauchen möchte, findet die ausführliche Geschichte dazu hier (Paywall).