Scharfe Kanten, stumme Zeugen

Der Schein des Feuers wirft lange, unruhige Schatten an die Holz- und Lehmwände der Hütte. Das Eisen des Stichels kratzt leise, aber bestimmt über die kühle Rückseite einer Fibel. Span für Span weicht das Metall. Kein schnelles Schreibwerkzeug gleitet hier über Pergament; jeder Strich ist Arbeit. Eine senkrechte Linie führt nach unten, zwei schräge Zacken setzen an – eckig und karg, angepasst an das Material.

Ob sich eine solche Szene tatsächlich abgespielt hat, weiß ich nicht. Wahrscheinlich ist sie zumindest nicht völlig abwegig. Und ihr wisst es ja: Literatur und Fantasie gehören zusammen und befruchten sich – was den wissenschaftlichen Anspruch ja nicht zwangsläufig ausblendet.

Ich selbst bin über antiquarische Bücher an das Thema Runen gekommen. Hier eine Abbildung aus dem Göschen-Buch von Theodor Schauffler, Althochdeutsche Litteratur, Leipzig 1896.

Mit Runen habe ich mich erstmals während meines Germanistik-Studiums intensiver beschäftigt. Diese heute eigentümlich wirkenden Schriftzeichen sind schließlich nicht nur für Esoteriker interessant, sondern auch für jeden, der sich für die Anfänge der germanischen und später der deutschen Schrift- und Literaturgeschichte interessiert. Dass ich damals in einem Bielefelder Antiquariat auf eine kleine, aber feine Ausgabe der Sammlung Göschen gestoßen war, passte dazu. Das Bändchen hieß Althochdeutsche Litteratur mit Grammatik, Übersetzung und Erläuterungen und stammte von Theodor Schauffler. Die Erstausgabe erschien 1896 als Band 28 der Sammlung.

Die Forschung ist seitdem natürlich ein gutes Stück weitergekommen. Aber Schauffler war mein Einstieg. Und irgendwann stellte ich mir beim Lesen der alten Texte die Frage, die in solchen Büchern leicht hinter der Grammatik verschwindet: Wie hat das eigentlich einmal angefangen mit dem Schreiben?

Also zurück zum Feuerschein.

Runen waren zunächst keine Buchschrift im späteren Sinn. Sie begegnen uns vor allem in kurzen Inschriften auf Gegenständen: auf Metall, Stein, Knochen, Holz oder Waffen. Die Zeichen wurden eingeritzt, geschnitten oder geschlagen. Ihre charakteristische Gestalt mit senkrechten Stäben und schrägen Linien hängt deshalb auch mit der Materialität dieser Schreibtechnik zusammen. Besonders beim Einritzen in Holz war eine geradlinige Konstruktion praktisch. Ganz so konsequent, wie es manchmal dargestellt wird, wurden waagerechte Linien allerdings nicht vermieden; bereits frühe Runeninschriften kennen entsprechende Formen.

Die Bezeichnung Futhark geht auf die ersten sechs Zeichen der älteren Runenreihe zurück: f-u-þ-a-r-k. Das sogenannte Ältere Futhark umfasst 24 Zeichen. Seine Entstehung wird meist in das 1. oder frühe 2. Jahrhundert nach Christus datiert. Als Vorbilder kommen vor allem norditalische Alphabete und das lateinische Alphabet infrage. Wie genau aus diesen unterschiedlichen Einflüssen das Runensystem entstand, ist allerdings bis heute nicht vollständig geklärt. Die Runen sind also kein einfaches „germanisches Alphabet“, das irgendwann fertig vom Himmel gefallen wäre, sondern das Ergebnis eines kulturellen Kontakts mit bereits vorhandenen Schriftsystemen.

Später entwickelten sich unterschiedliche Runentraditionen. In Skandinavien entstand das auf 16 Zeichen reduzierte Jüngere Futhark, während im angelsächsischen Raum das Futhorc erweitert wurde. Auf dem Kontinent verschwanden Runen dagegen allmählich aus dem Alltag, als sich das lateinische Alphabet mit der christlichen Schriftkultur durchsetzte.

Gerade für die deutsche Sprach- und Literaturgeschichte ist das ein Problem – und zugleich ein Glücksfall. Denn zusammenhängende kontinentale Texte in Runenschrift haben sich nicht erhalten. Was geblieben ist, sind kurze, oft rätselhafte Inschriften auf Gegenständen.

Drei Beispiele zeigen besonders schön, was sich aus diesen wenigen Zeugnissen herauslesen lässt.

Die Abbildung der Bügelfibel stammt aus einer Literaturabbildung von Rudolf Hennings Die deutschen Runendenkmäler von 1889. Foto: Wikimedia Commons

Da ist zunächst die Bügelfibel von Nordendorf bei Augsburg. Sie stammt aus dem 6. Jahrhundert und trägt auf der Rückseite eine Inschrift im Älteren Futhark. Besonders berühmt ist die Folge

logaþore wodan wigiþonar

sowie die zweite Zeile

awa (l)eubwini.

Die Namen Wodan und Þonar werden als germanische Götternamen verstanden. Die Bedeutung von logaþore und die genaue Interpretation von wigiþonar sind dagegen nicht abschließend geklärt. wigi- wurde unter anderem als „weihen“ oder als Hinweis auf „Kampf“ gedeutet. Auch die Beziehung der Namen Awa und Leubwini zueinander ist nicht völlig eindeutig. Gerade diese Unsicherheiten machen die kleine Inschrift so interessant: Sie ist kein sauber beschriftetes Lehrbuch der germanischen Religion, sondern ein reales Stück sprachlicher und religiöser Überlieferung, an dem sich Forschung bis heute abarbeitet.

Die Freilaubersheimer Fibel. Wir sehen hier nicht nur den archäologischen Gegenstand, sondern auch, wie sich eine frühere Generation von Wissenschaftlern diesen Gegenstand erschlossen hat. Foto: Wikimedia Commons

Noch unmittelbarer wirkt die Bügelfibel von Frei-Laubersheim aus Rheinhessen. Sie wird in die erste Hälfte des 6. Jahrhunderts datiert und trägt die Inschrift

boso wraetruna / þk daþïna golida.

Der erste Teil lässt sich relativ sicher als „Boso ritzte die Rune(n)“ verstehen. Beim zweiten Teil gehen die Übersetzungen auseinander; Daþīna wird als Frauenname interpretiert, während das letzte Wort unterschiedlich gedeutet wird. Von einem eindeutig überlieferten Liebesgruß namens „Aphinota“ kann dagegen keine Rede sein. Auch sprachgeschichtlich ist Vorsicht geboten: Die Sprache der Inschrift gehört noch nicht zum eigentlichen Althochdeutschen, sondern zu einer südlichen westgermanischen Sprachstufe vor der zweiten Lautverschiebung.

Damit wird die Fibel gerade für die Sprachgeschichte interessant. Ein Mensch namens Boso hat hier nicht nur irgendein Zeichen hinterlassen. Er hat ausdrücklich festgehalten, dass er die Runen selbst eingeritzt hat. Schrift wird dadurch für einen kurzen Moment zur persönlichen Handlung: Jemand schreibt seinen Namen – und sagt zugleich, dass er geschrieben beziehungsweise geritzt hat.

Und dann gibt es noch einen bemerkenswerten Nachzügler.

Die Runen sind plötzlich nicht mehr in Metall geritzt, sondern stehen auf Pergament mitten in einer karolingischen Handschrift. Foto: Wikimedia Commons

Das Abecedarium Nordmannicum steht nicht auf Metall, Holz oder Stein, sondern auf Pergament. Es findet sich im Codex Sangallensis 878 aus der ersten Hälfte des 9. Jahrhunderts. Dort werden die 16 Zeichen des Jüngeren Futharks aufgeführt und mit kurzen, teilweise stabreimenden Versen erläutert. Die Sprache ist eine Mischung aus altsächsischen, althochdeutschen und altnordischen Elementen. Die Handschrift wird in die Jahre zwischen etwa 829 und 849 datiert und steht im Umfeld des Gelehrten Walahfrid Strabo.

Hier verändert sich die Funktion der Runen grundlegend. Sie sind nicht mehr die Schrift des Alltagsgegenstands, sondern selbst Gegenstand gelehrter Betrachtung. Ein christlicher Schreiber bewahrt auf Pergament eine ältere, inzwischen fremdartige Schrifttradition. Aus der Gebrauchsschrift wird ein Wissensgegenstand.

Das ist vielleicht der interessanteste Moment der ganzen Geschichte.

Denn Runen waren offenbar nicht einfach die „erste Schrift der Deutschen“, die irgendwann durch das Lateinische ersetzt wurde. Sie gehörten zu einer eigenen germanischen Schrifttradition, die in verschiedenen Regionen unterschiedlich verwendet wurde. Ihre Inschriften können Namen nennen, Besitz markieren, religiöse Vorstellungen ausdrücken oder möglicherweise magische Funktionen haben. Eine allgemeine Gleichsetzung von Runen und „Zauberschrift“ wäre allerdings ebenso falsch wie die Vorstellung, jede Runeninschrift müsse eine geheime Botschaft enthalten.

Auch zur frühen Dichtung führt der Weg nicht geradlinig von den Runen zu den großen althochdeutschen Texten. Das Hildebrandslied oder die Merseburger Zaubersprüche sind keine aus Runeninschriften hervorgegangenen Werke. Ihre Überlieferung ist an die lateinische Buchschrift gebunden. Die Merseburger Zaubersprüche etwa stehen in einer theologischen Sammelhandschrift des 9./10. Jahrhunderts und sind in althochdeutscher Sprache aufgezeichnet.

Trotzdem begegnen sich hier zwei Welten: die ältere mündliche und materielle Überlieferung und die neue schriftliche Kultur des Mittelalters. Besonders deutlich wird das im Abecedarium Nordmannicum, wo Runennamen und Stabreim auf Pergament zusammenfinden. Die alte Schrift wird damit selbst zum Gegenstand einer gelehrten Erinnerungskultur.

Vielleicht ist das die eigentliche literaturgeschichtliche Bedeutung der Runen: Sie haben uns keine germanischen Epen hinterlassen. Keine Runenhandschrift erzählt uns die vollständige Geschichte eines Helden. Keine große Dichtung des frühen Mittelalters ist uns in einem Runenbuch überliefert. Stattdessen liegen da kleine Gegenstände: eine Fibel, ein Beschlag, eine Waffe, ein Stück Holz oder Stein. Darauf wenige Zeichen, manchmal nur ein Name, manchmal ein Satz, manchmal etwas, dessen Bedeutung wir bis heute nicht sicher kennen.

Gerade deshalb sind sie so faszinierend. Die großen Texte des frühen Mittelalters wurden abgeschrieben, gesammelt und in Bibliotheken bewahrt. Die Runen dagegen kommen uns oft unmittelbar entgegen: eingeritzt von einer Hand, deren Namen wir nicht kennen. Sie sind keine Literatur im engeren Sinn. Aber sie sind originale Stimmen aus einer Zeit, aus der uns nur sehr wenige Stimmen überhaupt erreicht haben.

Und vielleicht lohnt es sich deshalb, beim nächsten alten Schriftzeichen nicht sofort an Magie zu denken. Manchmal genügt mir der Gedanke an den Menschen, der dort gesessen und es eingeritzt hat.

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