Auf dem Arbeitstisch liegt ein kleines Buch im Taschenformat. Französische Volkslieder. Der Goldschnitt glänzt noch, wenn man es gegen das Licht hält. Über allem liegt der Geruch von Papier, alten Büchern und einem Hauch Leim – der Raum wirkt wie eine kleine Zeitkapsel.
Andrea Linnenbröker arbeitet hier, zwischen Stapeln von Papierlagen, Fäden, Pressen und Büchern, die ihre Einbände längst verloren haben. Die sogenannten „gerupften“ Bücher warten darauf, wieder zusammengesetzt zu werden, ein zweites Leben zu bekommen. In einer Ecke stehen mehrere alte Buchpressen, manche historische Stücke, die Linnenbröker über Jahre zusammengetragen hat. Sie wirken schwer, aus Holz und Eisen – Maschinen aus einer anderen Zeit.
Das Fachwerkhaus, in dem die Buchbinderei heute eingerichtet ist, stammt aus dem 16. Jahrhundert. Einst eine Zehntscheune, war es in den 1970er-Jahren fast abbruchreif. Die Familie Linnenbröker hat es damals saniert und ihm neues Leben eingehaucht. Bevor die Werkstatt hier einzog, befand sich in den Räumen ein Friseur. Damals hingen Preisschilder aus den Dreißigerjahren im Schaufenster. Ein Restaurator aus dem Museum ließ sich einmal dort die Haare schneiden – der Friseur verlangte zehn Mark, draußen waren 30 Pfennig ausgeschildert. „Sie haben sich dann wohl irgendwie geeinigt“, erzählt Linnenbröker lachend.
Bücher, Räume, Menschen – alles hat hier eine Geschichte. Und so wie die Bücher in der Werkstatt ein zweites Leben bekommen, trägt auch das Haus die Spuren vieler Jahre in sich.