Die Kupferstich-Darstellung Caroline von Humboldts an der Fassade des Herder-Gymnasiums in Minden – ein stilles Zeichen der Erinnerung im Alltag.

Und so könnte ich sie an fast jedem Morgen sehen. Denn an fast jedem Morgen komme ich mit dem Fahrrad auf dem Weg zur Arbeit an ihrem Porträt vorbei – oder genauer: an der Kupferstich-Darstellung, die an der Klinkerwand des Herder-Gymnasiums angebracht ist. Gleich neben der des Namensgebers, der – so mögen es besonders schlaue Menschen bewerten – möglicherweise wichtiger gewesen sei. Die Rede ist von Caroline von Humboldt, einer ausgesprochen modernen Frau, die heute vor 260 Jahren in Minden geboren wurde.

Vor zehn Jahren hat die Redaktion, in der ich arbeite, ihr eine ganze Zeitungsseite gewidmet. Heute will ich wenigstens in meinem Blog an die berühmte Mindenerin erinnern.

Mit fünf Jahren raus aus der Stadt

Caroline von Humboldt, geborene von Dacheröden, kam am 23. Februar 1766 zur Welt und wurde am 2. März 1766 in der St.-Martini-Kirche getauft. Wo sich das elterliche Wohnhaus damals genau befand, ist nicht eindeutig zu klären. In der lokalen Überlieferung wird häufig der Danckelmannsche Hof in der Kampstraße genannt, den ihr Vater im Geburtsjahr seiner Tochter erwarb. Ob die Familie dort bereits zum Zeitpunkt von Carolines Geburt lebte, lässt sich jedoch nicht belegen.

Ihr Vater, Karl Friedrich von Dacheröden, war Präsident der preußischen Kriegs- und Domänenkammer im Fürstentum Minden. Als Caroline fünf Jahre alt war, verließ die Familie die Stadt. Minden blieb damit weniger ein prägender Lebensort als ein biografischer Ausgangspunkt.

Nach dem frühen Tod der Mutter erhielt Caroline eine für Frauen ihrer Zeit ungewöhnlich umfassende Bildung. Stationen ihres Lebens führten sie nach Erfurt, Jena und Weimar. Ein entscheidender Wendepunkt war die Begegnung mit Wilhelm von Humboldt, den sie 1791 heiratete. Die Ehe war kein bürgerliches Arrangement, sondern eine geistige Partnerschaft. Beide lebten eine offene Beziehung, die auf Freiheit, Vertrauen und intellektuellem Austausch beruhte. Den Kern dieses Verhältnisses formulierte Caroline knapp und unmissverständlich:

„Wir sind uns gegenseitig Bedürfnis und Anregung.“

Diese Haltung prägte ihr Leben. Caroline von Humboldt verstand Freiheit nicht als Provokation, sondern als Voraussetzung von Denken und Schreiben. „Ich kann ohne Freiheit nicht leben“, notierte sie – ein Satz, der sich wie ein Leitmotiv durch ihre Briefe zieht. Die Ehe mit Wilhelm von Humboldt ließ diese Freiheit ausdrücklich zu: räumliche Trennungen, lange Korrespondenzen und ein Vertrauen, das Kontrolle ersetzte.

Caroline bewegte sich selbstverständlich im geistigen Zentrum ihrer Zeit. Zu ihren wichtigsten Gesprächspartnern zählten Johann Wolfgang von Goethe und Friedrich Schiller. Goethe schätzte ihr Urteil über Kunst und Literatur so sehr, dass er ihre Reise- und Kunstbeschreibungen aufgriff und auszugsweise veröffentlichte – ein ungewöhnlicher Vorgang, der ihre Autorität belegt. Caroline schrieb nicht aus Bewunderung, sondern auf Augenhöhe.

Gemeinsam mit ihrem Mann lebte sie zeitweise in Paris, später mehrfach in Rom. Die italienische Hauptstadt wurde ihr wichtigster Lebensort. „Rom ist mir mehr Heimat als jeder andere Ort“, schrieb sie – und machte ihr Haus dort zu einem gesellschaftlichen Mittelpunkt für Künstler, Schriftsteller und Diplomaten. Caroline von Humboldt dachte europäisch, lange bevor dieser Begriff politisch gebräuchlich wurde.

Nach dem Tod ihres Vaters im Jahr 1809 wurde sie finanziell unabhängig. In Tegel bei Berlin, wo das Ehepaar ab 1819 lebte, prägte Caroline das geistige Leben des Hauses maßgeblich mit, unter anderem durch den Erwerb von Kunstwerken. Dort starb sie am 26. März 1829. Wilhelm von Humboldt überlebte sie um sechs Jahre.

Ganz vergessen war Caroline von Humboldt in Minden nicht. 1967 erhielt das städtische Lyzeum ihren Namen und wurde zum Caroline-von-Humboldt-Gymnasium – eine bewusste Entscheidung in einer Zeit, in der Frauen als geistige Akteurinnen der Geschichte langsam stärker wahrgenommen wurden. Mehr als zwei Jahrzehnte trug die Schule ihren Namen, ehe sie 1988 im Zuge einer schulischen Neuordnung im Herder-Gymnasium aufging. Geblieben ist dort bis heute ihr Bild an der Klinkerwand – ein stilles Zeichen der Erinnerung, sichtbar, aber leicht zu übersehen.

Ihre Spuren sind leise, aber von erstaunlicher Klarheit. Man muss nur bereit sein, sie wieder zu lesen. Ich finde, es lohne sich, an Caroline von Humboldt zu erinnern – nicht aus lokalem Pflichtgefühl, sondern aus Neugier auf eine Frau, die das geistige Leben ihrer Zeit entscheidend mitprägte.

Und ich?

Ich werde – wenn ich morgens mit dem Fahrrad auf Höhe des Herder-Gymnasiums bin – kurz nach rechts blicken.

Dort oben ist sie.


Buchtipp: Dagmar von Gersdorff: Caroline von Humboldt. Ein Leben zwischen Geist und Freiheit. Insel Verlag. Eine fundierte und zugleich sehr gut lesbare Biografie, die Caroline konsequent als eigenständige Denkerin und Briefschreiberin zeigt – jenseits der berühmten Männer um sie herum.