Wer sich selbst entkommt, ist noch lange nicht frei

Er ist ein Mustermann, angepasst und klein. Und genau so heißt er auch: Klein, Friedrich Klein. Bankbeamter, Familienvater, bürgerlich im besten Sinne. So könnte es weitergehen. Immer. Aber so darf es nicht weitergehen.

Wer bin ich eigentlich? Bin ich dieser Mensch, der so angepasst leben will und kann? Verdammt – ich habe keine Chance, mich in den Zwängen meiner Welt selbst zu finden. Ich bin nicht der, der ich für alle anderen bin.

Die Folge: Klein bricht aus. Er fantasiert über die Ermordung seiner Frau und seiner Kinder – so, wie es der Lehrer Ernst August Wagner im wirklichen Leben getan hat. Nach diesem Mann, einem der Namensgeber der Novelle, benannte Hermann Hesse seinen Text Klein und Wagner.

Dass die Novelle 1919 erschien, ist kein Zufall. Hesse hatte selbst den Entschluss gefasst, seine Frau und die drei Söhne zu verlassen und von Bern ins Tessin zu ziehen. Niemand sei schuld daran, schrieb er damals – nur er selbst. Und so ist es auch bei Friedrich Klein, der die Schuld nicht bei anderen sucht, auch wenn das vielleicht der bequemere Weg wäre.

Flucht als Aufbruch

Doch wie bequem ist die Flucht? Für Klein scheint sie das einzige Mittel zu sein: Flucht vor der Familie, vor dem Mann, der er bisher war – vielleicht auch vor dem, der er sein könnte. Das letzte Mittel besorgt er sich schon vor der Abreise: einen Revolver.

In einem italienischen Dorf begegnet er der Tänzerin Teresina. Bei der ersten zufälligen Begegnung im Park stößt sie ihn ab – und fasziniert ihn zugleich. Vielleicht, weil sie im Tanz eine Fassade zeigen kann, wie es ihr beliebt. Unabhängig davon, wie es in ihrem Innern aussieht.

Klein schläft mit ihr, findet aber auch darin keine Befriedigung. Seine Sprache wird stakkatoartig, seine Gedanken kreisen immer enger, bis alles auf einen letzten Gang ins Wasser hinausläuft. Am Ende steht die Erkenntnis: Für Friedrich Klein kann es kein richtiges Leben geben – und auch kein falsches mehr. Zack. Und schon ist die Geschichte vorbei.

Als Held taugt Klein nicht. Vielleicht eher als warnendes Beispiel eines inneren Aufbruchs. Das eigene Ich ist für ihn zum Gefängnis geworden – allerdings nicht wie beim Der Graf von Monte Christo. Dort wird der gespielte Tod zum Ausweg. Klein dagegen will nicht spielen.

Er zerbricht an der Gesellschaft, deren Fesseln auch für ihn zu stark sind, um sie mit legitimen Mitteln zu sprengen. Er kann in den Zug steigen, kann fliehen – doch er nimmt sich selbst immer mit. Eine Strategie, das eigene Leben zu verändern und erträglich zu machen, findet er nicht. Anders als Teresina.

Am Ende scheint Klein nicht einmal mehr wissen zu wollen, dass genau das vielleicht möglich gewesen wäre.

Klein und Wagner von Hermann Hesse erschien erstmals 1919. Eine Ausgabe ist etwa im Jahr 2001 bei Suhrkamp Verlag erschienen; der Text ist außerdem als E-Book verfügbar.