Wanda und das Leben im Ausnahmezustand

An mein erstes live erlebtes Konzert von Marco Wanda erinnere ich mich genau. Im Capitol in Hannover war das. Die Eintrittskarten stecken noch heute in der CD-Hülle von Amore. Dienstag, 1. Dezember 2015. Wir waren früh da, bekamen den Soundcheck mit, die Vorband – und dann sogar eine eigene Version von Bologna. Schließlich der Auftritt von Wanda, damals noch mit Christian Hummer am Schlagzeug, der 2022 starb.

Wie Wanda diesen Verlust verarbeitet – und überhaupt, wie es der Band in den Jahren des Erfolgs erging –, lässt sich in Dass es uns überhaupt gegeben hat nachlesen. Der Titel ist programmatisch: Er verweist nicht nur auf das gleichnamige Stück, sondern auf ein Lebensgefühl zwischen Euphorie und Endlichkeit.

Dass Marco Wanda ein besonderes Verhältnis zur Sprache hat, zeigen schon seine Songs. Die meisten stammen aus seiner Feder. Dass diese Sprache auch ein Buch trägt, das man fast als Künstler-Autobiografie „vor der Zeit“ bezeichnen könnte, überrascht dann aber doch. Und überzeugt. Der Ton ist oft nah am Mündlichen, tastend, manchmal ungeschliffen – gerade darin liegt seine Stärke. Wer den Text liest, merkt schnell: Dieses Buch musste geschrieben werden.

Wie so oft in Musikerbiografien spielen Alkohol, Exzess und Erschöpfung eine Rolle. Doch Wanda bricht das bekannte Narrativ. Er schreibt nicht aus Pose, sondern aus Irritation heraus – etwa wenn er sich fragt, warum ausgerechnet Hummer sterben musste, der doch anders lebte, und nicht er selbst.

Literatur ist für Wanda dabei mehr als bloße Referenz. In nüchternen Momenten wird sie zum Bezugspunkt. Gedanken wie die von Roland Barthes, dass Schreiben auch ein Versuch sei, geliebte Menschen festzuhalten, tauchen nicht zufällig auf. Sie strukturieren das Buch im Hintergrund. Und sie machen verständlich, warum dieses Erzählen notwendig ist.

Überhaupt: Vergänglichkeit. Ein Motiv, das man aus der Wiener Literaturtradition kennt und das auch hier immer wieder aufscheint. Etwa in den Erinnerungen an den Vater – berührend, konkret, unsentimental. Oder im Rückblick auf das Tourleben, dieses permanente Unterwegssein zwischen Rausch und Leere. „Eigentlich unerträglich“, heißt es einmal. Und doch ging es weiter. Musste es auch.

Ein Protokoll des Sprechens

Heute kann Wanda darüber sprechen. Das Buch ist auch ein Protokoll dieses Sprechens: ein Versuch, Ordnung in ein Leben zu bringen, das lange im Ausnahmezustand stattfand.

Wanda, 2012 in Wien gegründet, habe ich erst drei Jahre später für mich entdeckt. Beim Konzert im Capitol konnten damals schon alle um uns herum die Texte, während wir gerade erst über ein Radiofeature auf die Band aufmerksam geworden waren. Sechs Alben sind bis 2024 erschienen. Mein persönlicher Song-Favorit bleibt Columbo – vielleicht, weil darin am Ende noch einmal alles kippt. „Lass es unsere Rettung sein.“ Ein Satz, der hängen bleibt.

Marco Wanda: Dass es uns überhaupt gegeben hat. Paul Zsolnay Verlag, 2025.