
Kann man einem Autor nach seinem Tod noch Neues entlocken? Ja, zumindest wenn es Heinrich Böll betrifft. 1985 gestorben, veröffentlicht die Familie nun seine Kriegstagebücher aus den Jahren 1943 bis 1945 – in einer Form, die bislang unveröffentlicht war. Der Band Man möchte manchmal wimmern wie ein Kind (Kiepenheuer & Witsch, 2017) ist eine seltene Gelegenheit, den jungen Böll hautnah zu erleben.
Die Aufmachung erinnert an Originaltagebücher: Fotos der Seiten, wie sie damals geschrieben wurden, ohne Glättung, ohne Korrekturen – fast wie ein Kladdenbuch, nur edler. Bölls Sätze erscheinen unverstellt, seine Gedanken direkt und ehrlich. Kein Redakteur hat die Interpunktion angepasst, keine Formulierungen geglättet.
Wie Kafka wollte auch Böll seine Tagebücher nicht publiziert sehen. René Böll, sein Sohn, erklärt im Vorwort: Die Bücher waren persönliche Dokumente, niemals für die Veröffentlichung gedacht. Erst nach reiflicher Überlegung entschied die Familie, sie herauszugeben – zum Glück für alle Böll-Fans.
Bölls Erleben entspricht dem Muster vieler Soldaten: knappe Einträge, Befehle, Verletzungen, Operationen. Doch Böll ist Böll. Immer wieder taucht Anne-Marie auf, mal mit Bindestrich, mal ohne: „Anne-Marie, mein Leben!“ Die Tagebücher sind voller Gebete, Träume, Sorgen um Familie und Geliebte. Wenn er von Kälte, Schmutz, Hunger schreibt, wird die Alltagswirklichkeit des Krieges spürbar – und immer wieder die Sehnsucht nach Liebe.
Persönlich und dokumentarisch
Die Texte beeindrucken durch ihre Ehrlichkeit. Kein Gedicht, keine literarische Ausschmückung – Böll schreibt dicht an seinen Gedanken. Die frühen Texte mögen Voyeurismus berühren, doch ihre Authentizität macht sie wertvoll und historisch bedeutsam. Wer in den Schützengraben des jungen Böll eintaucht, erlebt die Zeit unmittelbar und intensiv.
Abgerundet wird der Band durch einen umfangreichen Anmerkungsapparat, eine Zeittafel und reichlich Bildmaterial, das Bölls Kindheit, Jugend und Kriegsjahre beleuchtet. So wird die Veröffentlichung sowohl für Literaturfreunde als auch für die Wissenschaft zu einem wahren Glücksfall.
Heinrich Böll, Man möchte manchmal wimmern wie ein Kind. Die Kriegstagebücher 1943 bis 1945, Kiepenheuer & Witsch, Köln 2017
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