Ein barocker Grenzgänger im Schatten des Krieges

Der gastronomisch genutzte Hofgarten ist nur einen Seitenblick entfernt, der dazugehörige Kinderspielplatz auch. Aber wenn man erst hinter den Mauern steht – ist da nur noch Stille. Das Kloster Möllenbeck bleibt ein Ort, der zur Kontemplation einlädt. Und: Hier verbirgt sich das Wirken eines Mannes, dessen Feder im 17. Jahrhundert eine scharfe Waffe im Überlebenskampf eben dieses Ortes war: Konrad Hojer (1558 – 1626). Als Subprior und kaiserlich gekrönter Dichter (Poeta Laureatus) steht Hojer für ein faszinierendes Paradoxon der schaumburgischen Geschichte – den Versuch, das mittelalterliche Klosterleben in die protestantische Neuzeit zu retten. Sein Wirken ist vom Umbruch geprägt.

Manifest gegen das Edikt

Hojers wohl bedeutendstes Werk, die Verteidigungsschrift De fundatione Monasterii Mollenbeccensis, et necessitate ordinis evangelici erschien 1623 zu einem auch psychologisch kritischen Zeitpunkt. Der Dreißigjährige Krieg tobte bereits seit fünf Jahren, und für die evangelischen Stifte im Weserraum stand alles auf dem Spiel.

Hojers Schriften waren die intellektuelle Brandmauer gegen das drohende Restitutionsedikt von 1629. Mit diesem kaiserlichen Erlass versuchte Ferdinand II. die religiöse Landkarte Deutschlands gewaltsam auf den Stand von 1552 zurückzusetzen. Für Möllenbeck hätte das die sofortige Rückgabe an den katholischen Orden oder die komplette Auflösung bedeutet.

Hojer lieferte die juristische und moralische Begründung für den „Möllenbecker Sonderweg“. Er argumentierte, dass das Kloster als lutherischer „Ordo“ (necessitate ordinis) für die Wissenschaft und die Ausbildung der Pfarrer an der nahen Universität Rinteln unverzichtbar sei. Während der Kaiser die Zeit zurückdrehen wollte, kämpfte Hojer für eine Zukunft, in der Möllenbeck als lutherisches Kloster seinen Platz in der neuen Welt behaupten konnte.

Das „Problem“ der Urheberschaft

Hojer war ein Meister der literarischen Symbiose. In seinen deutschsprachigen Werken, wie den Fünf Hauptstücken christlicher Lehre (1614), schlug er die Brücke vom gelehrten Diskurs zur Volksfrömmigkeit. Seine berühmte, aus seiner Sicht aber sicher einigermaßen unbedarfte Formulierung „Von mich in deutsche Reime gesetzet“ offenbart dabei nicht nur seine niederdeutschen Sprachwurzeln, sondern auch sein Selbstverständnis als Bearbeiter.

In der Literaturgeschichte brachte ihm dies den Vorwurf des Plagiats ein, besonders durch den Kirchenliedforscher Philipp Wackernagel (1800 -1877). Dass das bekannte Lied Ach Gott, wie manches Herzeleid sowohl bei Hojer als auch bei Martin Moller (1547-1606) auftaucht, zeigt das barocke Verständnis von Autorenschaft: Originalität war weniger wichtig als die Kuration und Nutzbarmachung. Ich vermute, dass sich die Autoren überhaupt nicht um das geschert haben, was wir später als Urheberrecht bezeichnen sollten; kurzum: Hojer „evangelisierte“ bestehendes Textmaterial, um es für die Gemeinde im Wesertal in schweren Zeiten singbar und trostspendend zu machen. Genau darauf kam es ihm an.

Hojers Wirkungsort.

Trotz dieser beeindruckenden Biografie und der kaiserlichen Dichterkrone ist Konrad Hojer heute fast vollständig aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwunden. Wer durch Möllenbeck spaziert, findet in den touristischen Broschüren oder auf den Informationstafeln vor Ort kaum ein Wort über ihn.

Ich finde: Das ist eine bedauerliche Leerstelle. Denn während die Architektur des Klosters – die „Sprache aus Stein“ – ausgiebig gefeiert wird, bleibt der Mann, der die geistigen Fundamente für den Erhalt dieser Mauern in protestantischer Zeit legte, unsichtbar. Dabei zeigt gerade sein Wirken, dass Möllenbeck nicht nur ein Baudenkmal ist, sondern ein Ort, der erst durch das Ringen um Sprache und Identität zu dem wurde, was er heute ist.

Sprache als bleibendes Fundament

Konrad Hojer starb vermutlich im März 1626, kurz bevor die Kriegswirren die Region noch härter trafen. Er hinterließ keine Porträts, sondern ein Fundament aus Papier und Geist. Es wird Zeit, den Blick in Möllenbeck wieder öfter nach oben zu richten – nicht nur zu den gotischen Gewölben, sondern auch zu den intellektuellen Leistungen derer, die sie mit Leben und Sinn füllten.


Quellen & Bibliographische Notiz

Das Beitragsbild wurde per KI erstellt.

Historischer Kontext: Das Restitutionsedikt von 1629 und seine Auswirkungen auf die lutherischen Stifte in Norddeutschland.

Hojer, Konrad: De fundatione Monasterii Mollenbeccensis, Rinteln 1623.

Hojer, Konrad: Die fünst Hauptstücke christlicher Lehre, Stadthagen 1614.

ADB: Hojer, Konrad in: Allgemeine Deutsche Biographie, Band 12 (1880), S. 708 f.


Und hier noch mein eigener Blogbeitrag.