Geschichte mit einer Biographie, die Schatten wirft

Vor 30 Jahren löste die Neuauflage des Windheim-Buchs eine kleine Sensation aus: „Ein niedersächsisches Dorf am Ende des 19. Jahrhunderts“ – so lautete der Titel der 1927 erschienenen volkskundlichen Untersuchung des Juristen und Schriftstellers Ernst Heinrich Wilhelm Meyer. Auf Anstoß von Dr. Dr. Alfons Rolf Bense veröffentlichte die Kulturgemeinschaft das Werk erneut. Auch für Bense, der das Buch nach langer Suche in Antiquariaten entdeckte, war es ein Schatz – auch wenn später immer deutlicher wurde, dass der Autor eine problematische Rolle gespielt hatte.

Meyers Werk ist eine detailreiche Chronik von Windheim um 1880. Er schildert den Alltag, von den strengen Regeln bei der Taufe bis hin zu den Beziehungen zwischen den Nachbardörfern: „Man traf sich in der Kirche, half sich bei Feuersnot, aber dennoch war das Verhältnis keineswegs freundschaftlich, bei der Jugend meist gespannt.“ Faszinierend sind auch seine Beobachtungen aus Natur und Landwirtschaft: So beschreibt er den damals vorkommenden „Fischhabicht“, den Fischadler, und die große Fischtragödie während der Flachsröthe, als im Wasser eingelassene Flachshalme ganze Teiche vergifteten. Auch von Spukgeschichten berichtet Meyer – etwa von Werwölfen, die Wanderern auf den Rücken sprangen, oder Frauen, die sich in Katzen verwandeln. All dies macht das Buch zu einem einzigartigen Zeitzeugnis.

Doch die Biografie des Autors wirft Schatten. Viele seiner späteren Werke erschienen in nationalsozialistischen Verlagen und trugen Titel wie „Die ewigen Wasser“ oder „Das Gesetz des Blutes“. „Sie enthalten zum Teil eine deutliche nationalsozialistische Tendenz“, räumte sein Sohn Hans Meyer-Mölleringhof 1995 ein. „Heimat im Osten“, 1943 in Leipzig erschienen, landete 1946 auf der Liste der in der sowjetischen Besatzungszone auszusondernden Literatur – ein deutlicher Hinweis auf die ideologische Schlagseite. So bleibt der Autor zwiespältig: wertvolle volkskundliche Dokumentation auf der einen, fragwürdige politische Haltung auf der anderen Seite.

Für die Gegenwart von Bedeutung

Auch für die Gegenwart ist Meyers Werk von Bedeutung. Einige Abbildungen zeigen Gebäude wie Windheim No 2, das 1998 beinahe abgerissen worden wäre, dann aber durch den Verein „Denk-mal! Windheim No 2“ gerettet wurde. Heute zählt es zu den wichtigsten Kulturorten in Petershagen. Abgebildet ist auch Haus No 1 von 1844, mit markantem Walmgiebel, das sich damals rechts neben der Kirche befand und heute als Haus Curia bekannt ist.

Meyer selbst kannte die dörfliche Welt, die er beschrieb, noch aus eigener Anschauung. 1870 in Ovenstädt geboren, wuchs er nach dem frühen Tod seiner Mutter auf dem elterlichen Kollinghof in Windheim auf. Später eröffnete er in Bielefeld eine Anwaltskanzlei, hielt aber enge Verbindung zur Heimat. Sein Sohn erinnerte sich, wie er mit dem Vater im Taxi durch Windheim fuhr, um von alten Bewohnern Erinnerungen zu sammeln. So entwickelte sich der Jurist immer mehr zum Experten für Landwirtschaft und ländliches Leben. Unter dem Namen Meyer-Mölleringhof veröffentlichte er zahlreiche Bücher, ehe er 1948 in Bielefeld starb.

Heute gilt Meyers Windheim-Buch zwar als vergriffen, ist aber antiquarisch noch erhältlich – und über die Mediensuche des Stadtarchivs Bielefeld vollständig online zugänglich.