Der Feuerzangenbowle vorgegriffen…

Ist Anselmus wirklich glücklich auf seinem Rittergut in Atlantis? Ist er glücklich im Zauberreich, in dem er nun mit Serpentina lebt?
Im Märchen – so viel steht fest – wären beide glücklich bis ans Ende ihrer Tage. Das Kunstmärchen jedoch, ein Märchen aus der neuen Zeit, lässt mindestens zwei, eher mehr mögliche Szenarien zu.

In Der goldne Topf von E. T. A. Hoffmann zerreißt das hexenhafte Apfelweib die reale Welt des etwas tollpatschigen, originär träumenden, dabei aber keineswegs unsympathischen Anselmus. Er ist ein stolpernd Suchender – ob er es weiß oder nicht.

Damals veränderte sich alles. 1819, als Hoffmann die finale Fassung seines 1814 entstandenen Textes fertigstellte, hatte der Wiener Kongress Europa neu zusammengefügt: ein politisches Schlacht- und Spielfeld, provisorisch und spannungsvoll. Da darf man sich fragen: In welcher Welt will ich leben?

Die Aufklärung war bereits Geschichte, die Literatur liebte nun das Subjektive, den Traum, das Dunkle der Seele, das Zauberhafte – und die Zauberei.

Am Himmelfahrtstage, nachmittags um drei Uhr, rannte ein junger Mensch in Dresden durchs Schwarze Tor, und geradezu in einen Korb mit Äpfeln und Kuchen hinein, die ein altes häßliches Weib feilbot …

In welcher Welt will Anselmus leben?
Ist es die reale Welt des Konrektors Paulmann und seiner lieben Tochter Veronika? Eine bürgerliche Welt, in die auch der Registrator und spätere Hofrat Heerbrand gut hineinpasst – auch wenn er durchaus Zweifel anmeldet. Zweifel, die plötzlich auch Veronika befallen, als sie auf eine Ehe mit Anselmus hofft und dafür die Hexe rekrutiert: eben jenes Apfelweib, das ihn zuvor ins Kristall gewünscht hatte. Kann sie nun helfen?

Oder ist es die Welt des Archivarius Lindhorst, zweifellos die schillerndste Figur des Textes? Als Salamander ein Reptil wie seine Tochter Serpentina und ihre beiden Schwestern, ruft er die Geister und steht dem Zauberlehrling näher als dem Beamtenapparat. In Lindhorsts Reich kulminieren jene Traumbilder und Spiegelungen, die Anselmus so unwiderstehlich anziehen. Der goldne Topf – so offenbart es Lindhorst – soll Serpentinas Mitgift sein. Er verspricht Magie auf immer.

Oh Serpentina, schlangenhaft wie so oft bei Hoffmann.

Hoffmann schreibt keinen sinnlosen Satz. Er lamentiert nicht, alles steht genau dort, wo es hingehört – wie jede Note in einer gelungenen Komposition. Hier schreibt der Musiker. Alles passt. Und wir glauben ihm gern, dass er das Werk tatsächlich in zwölf Nachtwachen, den Vigilien, niedergeschrieben hat. Selbst die Entstehung ist Romantik.

In welcher Welt wollte Hoffmann selbst leben?
In der Welt der Juristerei, jener teils ungeliebten Ordnung, die ihm das Brot sicherte? Oder doch im goldnen Topf? Und was ist mit seiner Zeit, mit ihren kriegerischen Abgründen?

Hoffmanns Text ist zeitlos. So zeitlos wie die Frage, in welcher Welt ich leben will. Vielleicht gibt es diese eine Welt gar nicht. Vielleicht sollten wir wandern – und das Beste für uns heraussuchen.

Gut, dass der Mensch die Wahl hat.

Ein Suchender: Anselmus.

Der goldne Topf ist in vielen schönen Ausgaben greifbar, selbstverständlich auch bei Reclam (hier: 1986). Meine Lieblingsausgabe ist nur noch antiquarisch erhältlich: Der goldne Topf. Ein Märchen aus der neuen Zeit, mit 13 Lithographien von Karl Thylmann, Kurt Wolff Verlag, Leipzig 1917.