
Klischees und Vorurteile lassen sich mit der passenden Sprache schnell bedienen – und genauso rasch fragt man sich, was eigentlich dran ist an den Erzählungen über die „jungen Leute aus dem Osten“. Jakob Arjouni baut sich dafür mit „Störlitz“ ein prototypisches Kaff, in dem rechtsextreme Strukturen viel zu widerstandslos geduldet werden. Der Roman nutzt das Erzählen, um sich dem Thema Rechtsextremismus zu nähern, ohne belehrend zu wirken. Natürlich klingt Rick, der Protagonist, nicht wie die stereotype Figur aus pädagogischer Fachliteratur – doch Arjouni gelingt es, eine Atmosphäre zu erzeugen, die aufgeklärte Leser sofort greifen können.
Die Tat ist bereits geschehen. Rick – benannt nach Rick aus „Casablanca“ – schildert einem Psychologen seine Version der Dinge. Genau hier entfaltet sich der Reiz: Eine akademisch häufig austarierte Thematik kippt plötzlich in eine persönliche Beichte, eine Ich-Perspektive, die den Leser näher an die Figur heranlässt, als einem lieb ist.
Sympathien für den Nazi?
Mich lässt das Thema spätestens seit dem Studium nicht mehr los. Damals drehten sich Seminare zu Rechtsextremismus um wissenschaftliche Erklärmuster, Mechanismen, Ideologien. Arjouni aber erzählt eine Geschichte, die all das nicht ausspart, aber menschlich auflädt. Und so erwischt man sich dabei, Rick Sympathien zuzugestehen: Er möchte ein normales – was auch immer das genau heißen mag – Leben führen. Seine Gärtnerlehre macht ihm Freude, er verliebt sich in Marylin, er träumt von einer Zukunft. Die Erpressung, die ihn aus der Bahn wirft, und sein späteres Abgleiten ins Dunkle sind schwer zu verzeihen. Doch dass er das Böse letztlich im Bösen bekämpft und sich im entscheidenden Moment an sein Gewissen hält, spricht für jene letzten Funken Integrität, die Arjouni ihm lässt.
Der Roman ist ein Appell, wachsam durchs Leben zu gehen – und keinesfalls so naiv wie Rick, dessen Gutgläubigkeit in eine Katastrophe führt. Anders, als die Nazis es gern gehabt hätten, aber dennoch fatal. Und ohne zu spoilern: Arjouni beschreibt ein Szenario, das erschreckend realistisch wirkt.
Cherryman jagt Mr. White bleibt im Kopf, weil die Beichte des Protagonisten dich unweigerlich in eine Rolle drängt, die man sich nicht ausgesucht hat: die des Richters. Arjouni selbst bewertet nicht, er hält sich zurück. Das Urteil fällt – im Namen des Volkes – der Leser.
Schmerzlich, dass Jakob Arjouni bereits mit 48 Jahren verstorben ist. Umso stärker wirken seine Texte nach.
Jakob Arjouni, Cherryman jagt Mr. White, Diogenes Taschenbuch, Zürich 2012