
Nach einem Besuch in Bodenwerder war klar: Ich muss mich noch einmal um den Lügenbaron kümmern. Im örtlichen Münchhausen-Museum erwarb ich eine wunderbare Ausgabe von Erich Kästner (1899–1974), der Münchhausen für kleine und große Leute neu erzählt hat. Die Geschichten wirken noch immer frisch und witzig – ich habe sie an einem Abend gelesen.
Der Zürcher Atrium-Verlag hat an der klassischen Aufmachung wenig verändert: Die Zeichnungen von Walter Trier (1890–1951) sind geblieben, und das ist gut so. Die Neuausgabe erschien 2020, die Erstausgabe 1951.
Bevor Kästner mit den bekannten Abenteuern beginnt, spricht er vom Baron, der wirklich gelebt hat – was man natürlich bezweifeln darf, weil ja alles in diesem Buch gelogen ist. Ausgerechnet hier jedoch entspricht das Leben des Lügners weitgehend der Wahrheit: Münchhausen wurde 1720 in Bodenwerder geboren, war früh Page, wurde „höfig“, ging als Soldat nach Russland, verkehrte in zaristischen Kreisen, erlebte deren Zerfall, lernte seine spätere Ehefrau kennen, kehrte mit ihr nach Bodenwerder zurück und lebte dort ein bürgerliches Leben.
Dass er gern erzählte und feierte, ist bekannt – wohl auch, wie Nachfahrin Anna von Münchhausen berichtet, um Schwadroneure zum Schweigen zu bringen. Junge Männer prahlen bekanntlich gern, um sich und anderen zu gefallen. Das nervte den Baron offenbar. Sein Prinzip: Da setze ich noch einen drauf.
Und dann Weltliteratur
Dass aus diesen Erzählungen, über die fast zeitgleich verstorbenen Rudolf Erich Raspe (1736–1794) und Gottfried August Bürger (1747–1794), Weltliteratur werden würde, hat Münchhausen wohl kaum geahnt. Gut für die lesende Menschheit – und gut für Bodenwerder. Die Stadt vermarktet ihren Blaublüter pfiffig, das Münchhausen-Museum am Münchhausenplatz erzählt Geschichte und Nachwirkung wirklich schön. Die freundliche Museumsleitung drückte mir sogar einen Stempel mit „Original-Unterschrift“ ins Kästner-Buch. Draußen liefen Proben für ein Münchhausen-Musical. Mehr geht ja wohl nicht.
Dann die Lektüre: alles bekannte Geschichten. Der Baron zieht sich samt Pferd am eigenen Schopf aus dem Sumpf. Das Pferd wird in Russland angebunden, Tauwetter setzt ein, am Morgen hängt der Gaul am Kirchturm. Der Schlittenwolf frisst im Lauf das Pferd und reitet – gewissermaßen im fließenden Übergang – in dessen Geschirr weiter.
Schön auch die Jagdgeschichten (obwohl ich persönlich nichts von der Jagd halte): der Hase, den Münchhausen nicht treffen kann, weil er zu schnell ist. Warum? Er hat oben und unten Läufe. Gut, dass es noch einen Windhund gibt, der selbst diesen Hasen einholt. Überhaupt der Hund: Er läuft oft so schnell und so lange, dass er sich die Beine wegläuft. „Während seiner letzten Lebensjahre konnte ich ihn nur noch als Dackel gebrauchen“, lässt Kästner den Baron lügen.

Natürlich fehlen weder der Ritt auf der Kanonenkugel noch die Bohne, die bis zum Mond wächst. Besonders gern erinnere ich mich an die Wette mit dem Sultan in Kairo: Münchhausen verspricht, binnen sechzig Minuten einen besseren Tokajer aus dem kaiserlichen Keller in Wien zu beschaffen als den gerade servierten. Hält er sein Wort nicht, darf man ihm den Kopf abschlagen lassen.
Gut, dass der Baron einen Schnellläufer kennt. Weniger gut, dass dieser nach erfolgreichem Besuch im Wiener Keller im Tokajerschlummer versinkt. Gut wiederum, dass Münchhausen auch einen Horcher hat, der das herausfindet – und einen Jäger, der den Läufer durchs Fernrohr entdeckt und ihn schuss- und treffsicher mit Blättern wieder auf Trab bringt. Der Läufer erreicht rechtzeitig Kairo, der Sultan kostet, ist begeistert, gesteht die verlorene Wette ein und erlaubt Münchhausen, so viel Gold aus der Schatzkammer mitzunehmen, wie sein stärkster Mann tragen kann. Gut also, dass der Baron auch einen wirklich sehr starken Mann beschäftigt.
Diese Geschichten sind zeitlos – wie Swifts Gulliver, an den Kästner gern erinnert und dessen Reisen er später ebenfalls nacherzählen sollte. Kästners Kinderbücher funktionieren so gut, weil er die naiv wirkende, dabei entlarvende Perspektive der Kinder einnimmt. Das trägt auch den Münchhausen-Stoff, mit dem Kästner während der NS-Zeit eigene Erfahrungen verband.
Er schrieb das Drehbuch für den Ufa-Film mit Hans Albers. Als Autor mit Publikationsverbot, der – wie er sagte – „vom Nägelkauen nicht leben“ konnte, erhielt er eine Sondererlaubnis und musste unter Pseudonym arbeiten: Berthold Bürger – eine deutliche Anspielung auf Gottfried August Bürger, der eine frühere literarische Vorlage der Lügengeschichten geliefert hatte.
Münchhausen von Erich Kästner erschien erstmals 1951 bei Atrium.
Meine Ausgabe stammt aus dem Jahr 2020.