Kehlmanns Sprache ist modern und passt dennoch zum 17. Jahrhundert, weil nichts auftaucht, was den modernen Menschen ausmacht.

Kriege haben ihre Helden, ihre Täter, ihre Opfer – und ihre Narren. Letztere überleben sie meist am längsten. Sie dürfen sagen, was andere nicht aussprechen können, und sie bewegen sich zwischen den Fronten, weil sie zu keiner gehören. Tyll ist ein solcher Narr. Es hat ihn schon gegeben, lange bevor er bei Daniel Kehlmann auftrat – und erst recht im Dreißigjährigen Krieg. Kehlmann hat darüber einen Roman geschrieben, der nicht erklärt, nicht ordnet, nicht tröstet, sondern sich mit der schonungslosen Wahrheit auseinandersetzt.

Tylls Passion ist der Seiltanz. Schon als Kind übt er wie ein Besessener. Er will hinaus in die Welt und wird die Hinrichtung seines Vaters nicht mehr miterleben: eines sonderbaren Mannes, den Kirchengelehrte der Magie bezichtigen. Tyll tanzt weiter. Fortan taucht er an den Orten auf, an denen Geschichte passiert. Das ist die Freiheit des Gauklers: Er scherzt bei Friedrich V., verspottet die Kirchenmänner, die seinen Vater auf dem Gewissen haben, dient in der Armee, wird verschüttet und kommt wieder frei – weil eine Idee nicht verschüttet werden kann.

Tyll steht in Diensten des Habsburger Kaisers, gerät in die Feldschlacht bei Zusmarshausen und ist dabei, als der Westfälische Friede geschlossen wird. Er ist überall. Und immer dort, wo es wehtut.

Kehlmanns Sprache ist modern und passt dennoch zum 17. Jahrhundert, weil nichts auftaucht, was den modernen Menschen ausmacht. Depressionen etwa waren als Begriff nicht bekannt – Traurigkeit schon, wie Kehlmann im österreichischen Fernsehen sagte. Will heißen: Die Konzepte stimmen. Sie beißen sich nicht mit dem Ausdruck unserer Zeit. Genau deshalb ist man als heutiger Leser sofort in der Geschichte – unmittelbarer noch als beim Betrachten der vertrauten Bilder von Galgenbäumen.

Ich habe drei Seiten gelesen und konnte nicht aufhören:

Er breitet die Arme aus, steigt aufs Seil und versucht, dabei nicht auf ihren gewölbten Bauch zu achten. Steckt wirklich ein Kind in ihr, strampelt und zuckt und hört ihnen zu? Der Gedanke stört ihn. Wenn Gott einen Menschen schaffen möchte, warum tut er das in einem anderen Menschen? Es liegt etwas Hässliches darin, dass alle Wesen im Verborgenen entstehen: Maden im Teig, Fliegen im Kot, Würmer in der braunen Erde.

Und wieder ist der Narr ein Verwandter des Teufels – wie wir ihn aus der Commedia dell’arte kennen, mit Maske und Hörnern. Tyll ist kein guter Mensch, kein positiver Held. Er ist so wenig gut wie die Wahrheit gut ist. Und die Wahrheit dieses Romans heißt Krieg. Ein Krieg, der alles durchdringt, der keine Helden braucht und kein Ende kennt.

Die eigentliche Hauptfigur

Vielleicht ist es deshalb falsch, Tyll für die Hauptfigur zu halten. Vielleicht ist dieser Krieg die eigentliche Hauptfigur – und Tyll nur das Bindeglied, das Zeit, Orte und Gesellschaften zusammenhält, weil er überall auftreten darf. Der Klappentext spricht vom „Zeitgewebe“. Ein treffendes Wort. Auch Geschichtsbücher versuchen, ein solches Gewebe zu weben. Sie ordnen, datieren, erklären.

Der Roman kann etwas anderes: Er zeigt, wie es sich anfühlt, wenn das Gewebe reißt. Und genau deshalb bleibt Tyll nicht in seiner Zeit. Er tanzt weiter. Über Schlachtfelder, Höfe und Friedensverträge hinweg. Und so lange er nicht abstürzt, ist der Krieg noch nicht vorbei.

Daniel Kehlmann: Tyll, Rowohlt 2017